The legal film download to own DVD since 2005

Gordian Troeller ( Filme anzeigen )

Inhaltsverzeichnis:

  1. Frühe Filme
  2. Biographie
  3. Nachtrag
  4. Ehrenmitgliedschaft Deutsch-Eritreische Freundschafts- Gesellschaft (DEFG)
  5. Ingrid Becker-Ross-Troeller
  6. Marie-Claude Deffarge
  7. Elmar Huegler
  8. Dr. Joachim Paschen
  9. Gert v. Paczensky
  10. Rupert Neudeck
  11. Peter Zimmermann
  12. Ulrich Spies
  13. Ernst Schreckenberg
  14. Klaus Wischnewski


WIKIPEDIA:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gordian_Troeller


IMDb:
http://www.imdb.de/name/nm1347654/

 

Die neuen Missionare nennen sich Entwicklungshelfer und wie seinerzeit Kirchen und Kathedralen schiessen allerorts Entwicklungsprojekte aus dem Boden. Ein wirtschaftlicher Aufschwung ist dennoch nicht in Sicht...


... stellen darf man keine Szene, wiederholen, was eindrucksvoll und typisch schien. Dann fuehlen sich die Beteiligten wieder unter Aufsicht, als Objekt, und keine Bewegung stimmt mehr. Ja, es zerstoert sogar das Vertrauensverhaeltnis, das sich langsam entwickelt hat. Ploetzlich wird die Kamera eine Autoritaet, die diktiert, was getan werden soll - und sogar wie. Deshalb lasse ich nie eine Szene stellen. Sie kann die Realitaet nicht wiedergeben, sie wird zum Theater - nicht nur in traditionellen Gesellschaften, sondern ueberall. Gordian Troeller



WEITERE INFORMATIONEN FINDEN SIE HIER
( auch in english & francais )

http://www.gordian-troeller.de/

 

Frühe Filme


»Waehrend unserer Auslandstaetigkeit als Reporter fuer den Stern und andere Zeitungen hatte ich sehr oft eine Filmkamera mit, und so entstanden im Zusammenhang mit Fotoreportagen auch eine ganze Reihe von Filmen. Ich hatte sehr bald erkannt, daß die Dritte Welt mit Worten allein nicht darzustellen ist. Bilder sind notwendig. Und dann arbeiteten Marie-Claude und ich an jener Reportage - bei den Turkmenen an der russischen Grenze -, die entscheidend war fuer unsere zukuenftige Arbeit. Marie-Claude fotografierte, ich filmte. Die Fotos waren schoen, aber sie unterschlugen die Realitaet. Der Film hingegen verheimlichte nichts. Von da an wussten wir Wir muessen filmen.« Ein Schwerpunkt dieser fruehen Dokumen-tarfilme war das Schicksal von Minoritaeten, ein Thema, das sich auch spaeter in ihren Filmen immer wiederfand.


Die ersten Filme - sie wurden noch in Schwarzweiss gedreht - sind nicht mehr verfuegbar : Alle Filme zu denen wir kein Material mehr haben befinden sich am Ende. Sie koennen uns Informationen ge-ben, wo noch Material ist oder von anderen Sprachfassungen ? Gern - bitte melden !!!


BIOGRAPHIE

Die Autobiografie von Gordian Troeller 2009 ist erschienen. 

Mit diesem Text legt Gordian Troeller Rechenschaft am Ende sei-nes Lebens ab. Er vereint die Darstellung seiner Position in den großen ideologischen Auseinandersetzungen  des 20.Jahrhunderts mit anekdotischen Erinnerungen, spannenden Reportagen und ei-ner kritischen Analyse der Interessen und Machtverhältnisse, die das politische Geschehen in der zweiten Hälfte de 20.Jahrhunderts geprägt haben. 

Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis erlaubt es, einzelne Länder Epo-chen oder Themen schnell aufzufinden und unabhängig von den übrigen Kapiteln zur Lektüre auszuwählen.


Erhältlich im Buchhandel, bei Amazon oder unter:


www.gordian-troeller.de


Hrsg.: Ingrid Becker-Ross-Troeller


206 Seiten,  14,90 €
Pro Business Verlag, Berlin 2009
ISBN: 978-3-86805-315-9

DIE BIOGRAPHIE IM GESPRAECH ( ALT )


Gordian Troeller, Luxemburger, wurde am 16. Maerz geboren. Das Jahr verschweigt er.


"Nicht etwa aus Eitelkeit, sondern weil dann alle denken, so und so alt, aha - und sich einbilden, meine Arbeit in eine vorgefertigte Schublade stecken zu koennen."


In der Sueddeutschen Zeitung ist er 65, im Spiegel 67 und in der Weltbuehne hat er mittlerweile die siebzig erreicht.


"Die haben sich gesagt, wenn er mit 17 von zu Hause weglief, um im Spanischen Buergerkrieg zu kaempfen, dann muss er jetzt etwa 70 sein - vielleicht war er damals aber auch erst 16 oder 15 ..."

Im Spanischen Buergerkrieg

Jedenfalls war er ueberzeugt, dass auch Luxemburger sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen und ihn bekaempfen mues-sen, und er entschliesst sich, Kommunist zu werden. "Ich kam erst gegen Ende des Buergerkrieges in Spanien an, aber es war frueh genug, die Kommunisten am Werk zu sehen. Und das hat mir gereicht. Ich habe erlebt, wie die UdSSR Menschen gegen Waffen ausspielte und ihre Gegner ermorden liess, vor allem Trotzkisten und Anarchisten, die den Monopolanspruch der Partei in Frage stellten. Bruederlichkeit, Menschlichkeit fand ich bei den Anarchisten. Deshalb ist meine Grundhaltung auch heute noch eine libertaere. Aber wenn man das sagt, provoziert man nichts als Missverstaendnisse, denn wer kennt heute noch die Ideen der spanischen Anarchisten, ihre Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft und was sie geschaffen haben? Das hat nichts mit dem zu tun, was man landlaeufig unter Anarchismus versteht. Wie dem auch sei, ich habe mich keiner Theorie, keiner Ideologie ver-schrieben. Wenn ueberhaupt, dann kann man mir ein gestoertes Verhaeltnis zur Macht in dem Sinne nachsagen, dass ich gegen das Recht des Staerkeren bin. Die Aufteilung der Welt in Herrscher und Beherrschte scheint mir das Grunduebel. Nicht die ideolo-gischen Gegensaetze sind es, die uns in den Abgrund fuehren, sondern ein systemuebergreifendes Prinzip patriarchalischer Selbstherrlichkeit. Fuer mich bedeutet diese Erkenntnis, dass ich keiner herkoemm-lichen Ideologie das Wort rede, sondern mich einem - wahrscheinlich utopischen - Humanismus verpflichtet fueh-le. Wenn diese Idee sich in meinen Filmen wiederfindet, dann habe ich etwas erreicht."

In Portugal

Unversehrt aus Spanien zurueck in Luxemburg, flieht Troeller 1940 vor der anrueckenden Wehrmacht und schlaegt sich zu den Alliier-ten durch. In Portugal baut er fuer sie eine Organisation auf, die die Aktivitaeten des deutschen Geheimdienstes beobachtet und sowohl rassisch wie politisch Verfolgte aus den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas nach Portugal bringt.


Unter anderem geht der luxemburgische Historiker Henri Koch-Kent in seinem Buch Annie d'Exil (Luxemburg 1986) auf die Aktivitaeten Troellers im Widerstand ein, und Suzanne Chantal widmet ihm ih-ren Roman La Chalne et la Trame (Paris 1950), in dem sie seine Arbeit beschreibt.


Nach dem Zweiten Weltkrieg: Erste journalistische Erfahrungen


Nach dem Ende des Krieges gruenden Troeller und Norbert Go-mand die Zeitung L'Independant, in der sie versuchen, die luxem-burgische Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten und die Verantwort-lichen - vor allem die amtierenden Minister - zur Rechenschaft zu ziehen. Doch jene sind maechtiger und prozessieren so lange, bis der Independant finanziell am Ende ist.


Troeller laesst sich als Korrespondent bei der kanadischen Armee in Deutschland akkreditieren, bereist das befreite Europa und be-richtet ueber die Nuernberger Prozesse. Gleichzeitig knuepft er Kontakte zu regionalen Zeitungen in Kanada und verschiedenen Laendern Europas, die sich keinen Auslandsberichterstatter leisten koennen, aber stolz sind, ihren Lesern einen solchen zu praesen-tieren. Etwa 60 Zeitungen waren bereit, seine Artikel zu kaufen.


Als Korrespondent geht er 1946 nach Spanien, um ueber den Un-tergang des letzten faschistischen Regimes in Europa - das damals in grosser Bedraengnis war - zu berichten.


Franco bleibt an der Macht und Troeller landet 1948 im Gefaeng-nis, weil er einem Fuehrer der baskischen Untergrundbewegung zur Flucht nach Frankreich verholfen hatte.


"Eigentlich hatte ich wenig Sympathie fuer den baskischen Unter-grund, aber Sabin Barrena war halt mein Freund. Als ich nach drei-monatiger Einzelhaft dem Militaerrichter vorgefuehrt wurde, be-schuldigte er mich, einem Feind des Regimes geholfen zu haben. 'Nein, ich habe einen Freund in Not in Sicherheit gebracht', sagte ich. Damals hatten gerade die Kommunisten in der Tschechoslowa-kei die Macht uebernommen und ich fragte den Richter: 'Wenn Sie heute in Prag Journalist waeren und ein Freund wuerde nachts an ihre Tuer klopfen und sagen: Ich bin in grosser Gefahr, bitte hilf mir - was wuerden Sie tun?' 'Hombre, ich wuerde ihn retten!' - 'Nichts anderes habe ich getan. Ich habe einem Freund die Freiheit, viel-leicht sogar das Leben gerettet. Mit Politik hat das nichts zu tun.' Und wie aus der Pistole geschossen antwortete der Richter: 'Hom-bre, dafuer kann ich Sie nicht verurteilen. Ich werde Sie aber aus-weisen muessen, denn die internationale Presse hat Ihren Fall so hochgespielt, dass wir das Gesicht wahren muessen. Sonst koenn-ten Sie hierbleiben'." Das, so meint Troeller, ist - oder war - typisch spanisch.


Er wird nach Holland abgeschoben, weil er auch Korrespondent des Algemeen Handelsblat war. In Amsterdam lernt er Marie-Clau-de Deffarge kennen.

Marie-Claude Deffarge

"Ich war so in Spanien vernarrt, dass ich den Portier meines Hotels fragte, wo ich im kalten Norden spanische Atmosphaere finden koennte. Er empfahl mir ein Theater, in dem Maria de la Cruz au-ftrat. Ihre Taenze begeisterten mich und ich wollte sie kennenler-nen. Als ich ihr erzählte, daß ich gerade aus einem spanischen Gefängnis kam, setzte sie sich zu mir. Das war sie: Marie-Claude Deffarge. Da sie an der Sorbonne eine wissenschaftliche Arbeit ueber spanischen Tanz schrieb, hatte sie es fuer notwendig gehal-ten, selbst zu tanzen und aufzutreten, um 'das richtige Gefuehl zu bekommen'. Damals verliebte ich mich in sie und ich konnte sie da-von ueberzeugen, fortan mit mir um die Welt zu reisen."


Gemeinsam gehen sie 1948 als Wahlbeobachter nach Italien. Gleichzeitig berichtet Troeller ueber die Laender des Balkan, in die er sich von Oppositionellen heimlich einschleusen laesst.


Der Verlust der journalistischen Unschuld


Als Mossadegh 1952 den Schah aus dem Land jagt, die multinatio-nalen Konzerne enteignet und die Erdoelvorkommen verstaatlicht, antworten die Westmaechte mit Sanktionen, die den Iran in die Knie zwingen sollen. Der erste ernsthafte Nord-Sued-Konflikt scheint sich zu entwickeln und Troeller / Deffarge wollen darueber berichten.


"Wir lernten Mossadegh persoenlich kennen und waren oft bei ihm eingeladen. Als er erfuhr, dass Marie-Claude auch Archaeologie studiert hatte, schlug er uns vor, im Auftrag der Regierung einen archaeologischen Fuehrer des Landes zu erstellen. Ein fantasti-sches Angebot, denn so konnten wir in die entlegendsten Gebiete des Iran reisen."


Also fahren sie 26.000 Kilometer durch Persien und fotografieren alles mehr oder weniger Sehenswerte.


"Als wir irgendwo zwischen Isphahan und Shiraz eine alte Festung fotografierten, kam ein Reiter des Weges, ein Stammesfuerst, dem wir schon bei Mossadegh begegnet waren. Er sah uns eine Weile zu und sagte dann: 'Ihr seid wie alle anderen Europaeer, die uns besuchen kommen. Euch interessieren nur die Zeugen einer an-geblich glaenzenden Vergangenheit. Dass aber all dieser Prunk mit dem Schweiss und dem Blut eines geknechteten Volkes erschaffen wurde, dass Hunderttausende versklavt wurden und viele sterben mussten, um das hier zu bauen, laesst euch kalt. Nach diesen Menschen fragt niemand, sie aber waren das eigentliche Persien. Wenn ihr den Iran verstehen wollt, muesst ihr mit der Bevoelkerung reden, nicht mit den Herrschenden. Dann werdet ihr begreifen, dass die Prunkstaetten, die ihr fotografiert, nicht die Zeugen einer Hochkultur sind, sondern die Grabsteine eines geknebelten Volkes, die Mahnmale einerbarbarischen Zivilisation.' Und er lud uns ein, mit seinem Stamm durch Persien zu wandern.


So begleiteten wir die Bassiri, einen Nomadenstamm von etwa 40.000 Menschen, auf ihren Wanderungen. Nach sechs Monaten konnten wir nicht mehr so berichten wie vorher. Wir hatten unsere journalistische Unschuld verloren, wenn man das so nennen kann, die Ueberzeugung naemlich, dass die in den eingeweihten Kreisen der Hauptstaedte gesammelten Informationen der Realitaet ent-spraechen. Unser Weltbild war zwar erschuettert, doch der Glaube an die zivilisatorische Ueberlegenheit der westlichen Welt, unser Eurozentrismus, war noch nicht ueberwunden. Und im nachhinein weiss ich auch warum. Wer waren wir schon als Journalisten und wer sollte uns ernst nehmen, wenn wir nicht aus der Sicht west-lichen Ueberlegenheitsanspruchs urteilten und verurteilten? Wir mussten bekannt werden, Spezialisten der Dritten Welt sozusagen, Autoritaeten, um ungehindert das sagen zu koennen, was uns langsam zur Gewissheit wurde: die kulturelle und wirtschaftliche Verelendung der sogenannten Entwicklungslaender durch den westlichen Fortschrittsimperialismus. - Das gelang uns spaeter beim Stern."

 

Für die Revue bei der griechischen Koenigin


Bis 1958 bleiben Troeller und Deffarge im Mittleren Osten. Sie be-richten aus dem Irak, aus Syrien, dem Libanon, der Tuerkei und dem Iran. Nachdem ihr Buch Persien ohne Maske (Berlin 1958) erschienen ist, wird Troeller von Peter Boenisch, damals Chefre-dakteur der Revue, eingeladen, die Auslandsabteilung der Illus-trierten zu uebernehmen.


"Wir Deutschen haben noch keine Auslandserfahrung", sagte Boe-nisch. "Sie sollen uns beraten und koennen Reportagen machen, wo immer Sie wollen."


Troeller sagt zu. Er besucht Albert Schweitzer, begleitet de Gaulle auf seiner Dekolonisierungsreise durch Afrika, berichtet ueber die Revolution im Irak und die Haifische im Persischen Golf.


"Eines Nachts wurde ich um vier Uhr aus dem Bett geholt. Krisen-sitzung der Redaktion im Beisein Kindlers, des Besitzers der Re-vue. Die Illustrierte hatte eine Fotomontage mit der griechischen Koenigin veroeffentlicht und diese drohte mit Prozessen. 'Sie sind unser Auslandsexperte, was schlagen Sie vor?' fragte man mich. 'Wieviel sind Sie bereit zu zahlen?' wollte ich wissen. Konsternation bei der gesamten Redaktion. 'Wollen Sie eine deutschstaemmige Koenigin kaufen?' - 'Nicht direkt' meinte ich und erklaerte, welche Erfahrungen ich mit der Bestechlichkeit hoher und niederer Beam-ten rund ums Mittelmeer gemacht hatte."


Man laesst ihn nach Athen fahren, und mit 30.000 Mark wird die Sache beigelegt. Als er zurueckkommt, wird er zum stellvertreten-den Chefredakteur befoerdert.

Reportagen fuer den Stern


Aber der Redaktionsalltag macht ihm zu schaffen. Er will wieder reisen, wieder in den Mittleren Osten. Als ihm die Carnegiefounda-tion anbietet, im Iran eine Studie ueber internationale Konflikte zu er-stellen, packt er seine Koffer.


"Am Vorabend meiner Abreise rief Henri Nannen, Chefredakteur des Stern, an und fragte, ob ich nicht fuer den Stern arbeiten woll-te. Wenn ich schon vorhaette, per Auto ueber Paris in den Iran zu reisen, waere ein Abstecher ueber Hamburg doch kein grosser Umweg. - Gesagt, getan."


Bis 1970 arbeiten Troeller/Deffarge als Reporterteam fuer den Stern. Schwerpunkt: Dritte Welt und die dortigen Befreiungsbewe-gungen. In zehn Jahren lernen sie fast alle kennen: in Kuba, Viet-nam, Kurdistan, Dhofar, Palaestina, Biafra, Sudan, Eritrea, Nord- und Suedjemen, Algerien. Ihre kritischen Berichte und Fotorepor-tagen tragen zur Auflagensteigerung des Stern bei und bald schon koennen sie von jeder Reise eine Serie, das heisst vier bis sechs Artikel, veroeffentlichen. So berichten sie ueber Sizilien und die Mafia, ueber den Schah von Persien und seine "Weisse Revolu-tion". Aus der Karibik schreiben sie einen sechsteiligen Bericht unter dem Titel Zwischen Kennedy und Castro und ein Bericht aus Brasilien traegt bereits 1962 die Ueberschrift Bauernmord durch Entwicklungshilfe.


Ihre kritische Berichterstattung bleibt nicht ohne Folgen. In vielen Laendern werden beide zur "persona non grata" erklaert: Im Iran, in Brasilien, in Nicaragua und Haiti, in Spanien und Gabun, in Ma-dagaskar und Indien. Eine sechsteilige Serie ueber Frankreich waehrend des Algerienkriegs fuehrt dort zu einem mehrwoechigen Auslieferungsverbot des Stern. Daraufhin meint Henri Nannen be-sorgt, ob sie nicht weniger heisse Eisen anfassen koennten.

Über journalistische Unabhaengigkeit


Sie hatten schon oft mit dem Gedanken gespielt, weltweit das Sys-tem zu untersuchen, dem sie die Verantwortung fuer alle Unter-drueckungs- und Ausbeutungsmechanismen geben: die patriar-chalische Ordnung.


"Wir schlugen Nannen also vor, die Situation der Frau in verschie-denen Kulturen zu untersuchen. Er sagte begeistert zu, denn er hatte immer ein Gespuer fuer den sogenannten Zeitgeist. Damals naemlich, Mitte der sechziger Jahre, begann das, was man noch euphorisch die 'sexuelle Revolution' nannte, und was heute in Por-no-Filmen in Sat1 und RTLplus seinen traurigen Hoehepunkt er-reicht hat. Wir erhielten also gruenes Licht fuer die Serie Frauen der 'Welt, die mit insgesamt 26 Folgen zum Verkaufsschlager wur-de."


Auch andere europaeische Zeitungen und Zeitschriften ueberneh-men die Reportagen von Troeller /Deffarge, wie LeMonde, The Observer, Realite, Le Monde Diplomatique. Das Team hat erreicht, was es sich vorgenommen hatte: so erfolgreich zu sein, dass es sich nicht mehr an den Vorgaben meinungsbildender Renommier-blaetter zu orientieren brauchte, um als "gute Journalisten" zu gel-ten. Troeller hat selbst erfahren, wie Journalisten und ihre Bericht-erstattung manipuliert werden koennen.


"Wir kamen aus dem Nordjemen zurueck, wo die Royalisten gegen die Republikaner kaempften. Dort hatten wir El Badr, den totgesa-gten Imam interviewt und waren vier Wochen lang durch royalisti-sches Gebiet geritten. Wir waren die ersten und lange Zeit die ein-zigen Journalisten in diesem Gebiet. Der Stern konnte nicht sofort mit der Serie ueber den Nordjemen beginnen, aber der Observer hatte schon einen Artikel von uns veroeffentlicht und die Redaktion meinte, man solle wenigstens in einem kurzen Artikel die Brisanz unserer Erfahrungen ankuendigen. Ich schrieb also den ge-wuenschten Artikel und fuhr anschliessend nach Paris. Als ich zu-rueckkam, traute ich meinen Augen nicht. Der Bericht war voellig veraendert worden. Nichts stimmte mehr. Was war geschehen? Der zustaendige Redakteur hatte Newsweek und New York Times gele-sen, sich mit Reuter, AFP, DPA und den arabischen Agenturberich-ten, wie er meinte, klug gemacht und genau das Gegenteil dessen zu Papier gebracht, was ich geschrieben hatte, obwohl er wusste, dass wir die einzigen waren, die vor Ort recherchiert hatten. Es kam ihm nicht in den Sinn, sich zu fragen, ob diese Medien nicht benutzt wuerden, um 'Meinung zu machen'."

Im Jemen: Der erste Film

"Warum wir in den Nordjemen kamen, ist eine Erklaerung wert. Wir hatten uns im Auto auf den Weg gemacht, um eine Serie ueber den Nahen Osten zu schreiben und waren in Beirut angekommen. In unserem Hotel wohnte auch Eric Rouleau, ein Freund, der fuer Le Monde arbeitete. Er war mit drei Reportern von Life verabredet, die gerade aus dem Jemen zurueckgekommen waren, und wir schlossen uns ihm an.


Da sassen nun diese drei jungen Maenner und beklagten sich: Sie hatten es ohne Schwierigkeiten bis zur jemenitischen Grenze ge-schafft, denn Saudiarabien wollte der Weltoeffentlichkeit unbedingt zeigen, dass der Imam El Badr nicht, wie von den Republikanern behauptet, umgekommen war, sondern persoenlich den Kampf der Bergstaemme anfuehrte. Als die Life-Reporter an der Grenze von Jemeniten in Empfang genommen und in einen Jeep der Royalisten gesetzt worden waren, wollten sie doch erst einmal sehen, wie das Vehikel, dem sie ihr Leben anvertrauen sollten, beschaffen war. Sie stellten fest, dass es technische Maengel hatte und dass auch die Reifen ohne Profil waren und womoeglich nach wenigen Kilo-metern platzen wuerden. Daraufhin beschlossen sie, die Reise abzubrechen und nach Beirut zurueckzukehren. Und hier sassen sie nun, im besten Hotel, enttaeuscht, aber ueberzeugt, das einzig Richtige getan zu haben.


Ihr Versagen gab uns die Chance, in den Nordjemen zu gelangen. Am naechsten Tag gingen wir zur saudiarabischen Botschaft. Un-sere Argumentation war einfach: 'Was die Life-Korrespondenten verpatzt haben, koennen wir wieder gutmachen. Der Stern ist ebenso wichtig wie Life; gebt uns ein Visum und wir berichten ueber El Badr und seine Gefolgsleute.' In wenigen Minuten hatten wir das Visum. Sogar der Botschafter empfing uns, um uns eine gute Reise zu wuenschen, und zwei Tage spaeter waren wir an der jemenitischen Grenze. Dort warteten 4.000 Krieger auf uns und schrien 'Long live Life'. So sollten sie die Amerikaner begruessen, aber wir klaerten das Missverstaendnis auf. 'Long live Stern', toen-te es dann aus allen Kehlen.


Nach vier Wochen kamen wir nicht nur mit einer guten Reportage zurueck, wir hatten auch einen Film gedreht, unseren ersten. Er lief im franzoesischen Fernsehen in der Sendereihe Cinq Colonnes a la Une unter dem Titel Une Frangaise chez les Guerriers du Ye-men."

Eurozentrismus verlernen


Die eurozentrische Sichtweise sei auch fuer ihre Arbeit lange Zeit bestimmend gewesen, meint Troeller. Einige Erlebnisse aber ha-ben ihr Weltbild entscheidend veraendert und ihnen das Verhäng-nisvolle am europaeischen Ueberlegenheitsgefuehl bewusst ge-macht.


"Es geschah vor etwa 20 Jahren. Die schwarze Bevoelkerung des Suedsudan hatte sich gegen die Herrschaft des arabischen Nor-dens erhoben. Wir wollten einen Film bei den Rebellen drehen und mussten heimlich von Uganda in den Sudan geschleust werden. Sieben Maenner und vier Frauen vom Stamm der Kakua erwarte-ten uns am Ufer des Flusses, der hier die Grenze bildet. Die Frau-en trugen nur Lendenschurze. Der Rest ihrer 'Bekleidung1 bestand aus rituellen Narben. Wir mussten durch den Fluss schwimmen. Die Frauen nahmen Marie-Claude in ihre Mitte, die Maenner schwam-men neben mir. Es gab Komplikationen mit Treibholz und Kroko-dilen und wir konnten nur mit groesster Anstrengung ans andere Ufer gelangen. Dort umarmten wir uns. Eine ruehrende Szene, die nach Bruederschaft aussah. Anschliessend wurde im Wald geges-sen, aber da waren wir wieder getrennte Gruppen. Wir sassen auf einer Zeltbahn und unsere Begleiter hockten 20 Meter entfernt auf dem Boden. Obwohl wir sie immer wieder aufforderten, sich zu uns zu setzen, lehnten sie ab. Am naechsten Tag war es nicht anders. Doch diesmal machten wir nicht den Fehler, sie zu bitten, sondern nahmen unser Essen und setzten uns zu ihnen. Die Diskussion, die hierdurch ausgeloest wurde, dauerte die ganze Nacht.


Sie hatten uns das Leben gerettet, doch mit uns zu essen, das glaubten sie nicht zu duerfen. Einer so intimen Beziehung fuehlten sie sich nicht wuerdig. Nach langem Gespraech kam es an den Tag: sie waren ueberzeugt, keine richtigen Menschen zu sein, hoeher entwickelte Affen vielleicht. Aber Menschen nicht. Noch nicht. Das hatten Missionare ihnen gesagt. Dieses 'Noch-nicht-Sein', als Vorbild aufgezwungen, gepredigt oder vorgelebt, diktiert ihr Verhalten. Verinnerlichung der vom Westen geformten und dank seiner materiellen Ueberlegenheit akzeptierten Ueberzeu-gung, dass die menschliche Entwicklung nur in eine Richtung gehen koenne: in die von Europa vorgezeichnete. Im Suedsudan wurde dies in dramatischer Weise erlebt und ausgesprochen.


Wir hatten uns einiges ueber die Kakua angelesen. Ein paar italie-nische Missionare, ein englischer Ethnologe und zwei weisse Söldner waren hier gewesen. Die Missionare hatten erklaert, dass alle Schwarzen mit unsichtbaren Affenschwaenzen auf die Welt kaemen, die erst abfielen, wenn sie sich taufen liessen. Erst dann koennten sie sich langsam zu wahren Menschen entwickeln. Auch Lesen und Schreiben muessten sie zunaechst einmal lernen. Die Regierung in Khartum hatte die Missionare vertrieben und die Is-lamisierung des Suedens befohlen. Wieder wurde den Kakua ge-sagt, dass sie keine Menschen seien, solange sie Mohammeds Lehren nicht befolgten. Viele wurden zwangsbekehrt. Auf Wider-spenstige wurde Jagd gemacht wie auf wilde Tiere. Die Fragen des Ethnologen waren wie richterliche Verhoere im Gedaechtnis haften geblieben. Der Einfluss der Soeldner hingegen war eher ein guter, denn sie waren gekommen, um diesen Menschen zu helfen, ihre Lebensart zu erhalten. Sie hatten den Maennern beigebracht, mit modernen Waffen umzugehen.


All das wurde uns in dieser Nacht erzaehlt und immer wieder hiess es: Was haben wir nur getan? Welche Schuld haben wir auf uns geladen? Warum haben uns boese Maechte so arg mitgespielt?


Solche Fragen waren vor der Ankunft der Araber und Europaeer nicht gestellt worden. Es hatte Nachbarn gegeben, die anders wa-ren, etwas heller oder dunkler, vielleicht tuechtiger im Jagen oder weniger vertraut mit den Tieren. Sie hatten ihre Taenze und Sitten und man hatte seine eigenen. Man konnte von anderen lernen, aber Vorbild waren sie nicht. Mit dieser Arroganz traten erst die Araber und Europaeer auf. Aus dem 'Nicht-so-sein' wie andere wurde das 'Noch-nicht-so-sein'."

Scherzverwandtschaft

"Was konnten wir mit dieser Erkenntnis anfangen? Worte koennen Situationen klaeren, aber Verhalten nicht aendern. Durch Zufall hatten wir die einzige Beziehung hergestellt, die das Minderwertig-keitsbewusstsein aufheben konnte: die 'Scherzverwandtschaft'. Sie ist in vielen Kulturen ueblich. Durch Scherze, Bloedeleien und Schabernacks werden Situationen geschaffen, in denen niemand sich mehr ernst nimmt oder ernst genommen werden will. Wir nen-nen sie 'Wilde' und 'Neger', sie uns 'Besserwisser' und 'Imperiali-sten'. Alle Vorurteile werden ausgesprochen und direkt auf die Per-son bezogen. Schon nach wenigen Tagen haben all diese Vorurtei-le ihren Sinn verloren. Jeder ist gleich viel wert. Der Einfallsreich-tum unserer 'Scherzverwandtschaft' wuchs taeglich. Als wir auch noch Laeuse kriegten und uns taeglich lausten, war der Mythos von der menschlichen Ueberlegenheit der Weissen dahin. Die Ka-kua konnten uns als Gleiche in ihre Familie aufnehmen und ge-weint haben wir alle, als wir uns nach sechs Wochen trennen mußten.


Fast ueberall konnte in traditionellen Gesellschaften ein partner-schaftliches Verhaeltnis nur dank der scherzhaften Ueberspitzung der Vorurteile hergestellt werden. Oft ging die Initiative von ihnen aus, zaghaft immer, aber wenn man einmal ein Gespuer dafuer hat, kann einem die Absicht nicht entgehen. Es ist ein Angebot der Freundschaft und jedesmal geht Erleichterung durch die Gruppe, wenn man zurueckfrotzelt und damit kundtut, dass die angebotene Verwandtschaft akzeptiert wird."

Über das Filmen

"Filmen kann man unter solchen Bedingungen, ohne fuerchten zu muessen, etwas zu verfaelschen. Die Kamera gehoert zum 'Scherz-verwandten1 genauso wie sein Arm und seine Augen. Er nimmt durch das Objektiv am taeglichen Geschehen teil. Aber stellen darf man keine Szene, wiederholen, was eindrucksvoll und typisch schien. Dann fuehlen sich die Beteiligten wieder unter Aufsicht, als Objekt, und keine Bewegung stimmt mehr. Ja, es zerstoert sogar das Vertrauensverhaeltnis, das sich langsam entwickelt hat. Ploetz-lich wird die Kamera eine Autoritaet, die diktiert, was getan werden soll - und sogar wie. Deshalb lasse ich nie eine Szene stellen. Sie kann die Realitaet nicht wiedergeben, sie wird zum Theater - nicht nur in traditionellen Gesellschaften, sondern ueberall.


Ich arbeite mit einer leichten Kamera, die ich unterwegs fast nie aus der Hand lege. Ich bin der 'Mann mit dem grossen Auge'. Ich benutze auch nie ein Stativ. Es erlaubt vielleicht schoene Bilder und gekonnte Effekte, aber um die Wirklichkeit einzufangen müß-ten die drei Beine unsichtbar sein und laufen koennen. Ich nehme auch nie Licht mit. Wenn es dunkel wird, setzt man sich gemuetlich hin und plaudert. Dann erfaehrt man mehr als in gut gefuehrten Interviews."


Auch die Tatsache, dass sie immer nur in einem kleinen Team un-terwegs sind und nie als 'das Fernsehen' auftreten, beschreibt Troeller als wichtige Voraussetzung, um Kontakte herzustellen und eine vertrauensvolle Atmosphaere zu schaffen. Er hat frueh die Er-fahrung gemacht, wie wichtig es ist, dass das Team aus einem Mann und einer Frau besteht. "Als Mann", sagt er, "bekomme ich kaum Kontakt zu den Frauen, so dass mir Einsichten und Erkennt-nisse ueber die Haelfte der Menschheit verborgen bleiben wuerden."

Noch-nicht-so-sein

"Unser immer noch schwelender Eurozentrismus wurde durch ein anderes Erlebnis endgueltig erschuettert.


Wir hatten das Glueck, den Jemen zu besuchen, bevor das Land sich der Außenwelt oeffnete. Kontakte zu ihren Nachbarn pflegten die Jemeniten zu haben, doch niemand hatte sie erobert und ihnen seine Kultur als die bessere aufgezwungen. Wir standen Menschen gegenueber, die keinen Grund hatten, ihre Lebensart zu rechtfer-tigen. Was sie taten, war richtig und was wir taten, akzeptierten sie als unsere Eigenart. Wir handelten verschieden, doch wir waren Gleiche. Kein Jemenit schaemte sich, dem getoeteten Feind die Ohren abzuschneiden, und niemanden erstaunte es, dass wir uns die Zaehne mit Buersten putzten. Wir filmten, sie schossen, wir schrieben, sie bestellten ihre Aecker, tanzten und gingen ihren Geschaeften nach.


Auch die Scherzverwandtschaft war hier sehr beliebt. Aber sie hat-te nicht die gleiche Funktion wie im Sudan. Es ging nicht darum, Minderwertigkeitsgefuehle abzubauen, sondern darum, Unterschie-de spielerisch zu ueberbruecken.


Filmen war ein Vergnuegen. Ich legte an, genau wie sie mit ihren Gewehren. Nur bei mir knallte es nicht. Ich brauchte halt ein gros-ses Auge, um besser sehen zu koennen. Und da die Jemeniten noch nie einen Film gesehen hatten, sich noch nie mit anderen vergleichen mussten, konnten sie gar nicht anders sein als sie selbst.


Im Gegensatz zu den Kakua, die zu Minderwertigen gestempelt worden waren und sich als solche fuehlten, waren die Jemeniten mit sich selbst zufrieden, ja stolz, so gute Krieger, Bauern und Mos-lems zu sein. Gottes Lieblinge sozusagen, genau wie wir.


Zehn Jahre spaeter kamen wir in den Jemen zurueck. Das Ergebnis der Oeffnung, der 'Modernisierung', war erschuetternd. Diesmal mussten wir Scherzverwandtschaft wie im Sudan spielen, um mit alten Bekannten noch verkehren zu koennen. Filmen war schwer geworden. Wenn wir die Kamera hoben, winkten sie erst einmal ab, verschwanden im Haus und kamen in ihren besten Kleidern zurück. Was nach den eingefuehrten Kriterien arm und rueckständig wirkte - und das war jetzt ihr ganzes Leben - beschaemte sie.


Frueher hatten sie keine Armut gekannt und auch jetzt gab es noch genug zu essen, aber sie fuehlten sich verarmt. Auch ihre Gesten stimmten nicht mehr und was sie sagten, klang falsch. Be-wusstsein hatte sich eingeschlichen, das Bewusstsein naemlich, 'noch nicht zu sein' wie Zivilisierte laut Muster sein sollten.


Das hatte die Modernisierung geschafft, die auch wir 1962 noch befuerwortet hatten. Damals berichteten wir ueber die Revolution der Militaers und hatten noch alle gaengigen Vorurteile im Kopf: ein feudales System, ein mittelalterlicher Herrscher, sein Sturz war nur zu begruessen. Endlich konnte das Land ins 20. Jahrhundert ge-fuehrt werden und sich der Welt oeffnen. Selbstverstaendlich er-griffen wir Partei fuer die Revolutionaere und berichteten so ueber-zeugend, dass die Bundesrepublik als erster westlicher Staat die Arabische Republik Jemen anerkannte.


Ein Jahr spaeter hatten wir das Glueck, anstelle der Life-Reporter zu den Royalisten zu kommen, die die Republik bekaempften, und wenige Monate danach wieder zu den Revolutionaeren zurueckzu-kehren. Und langsam begannen wir zu begreifen: Wir hatten es kei-neswegs mit einer rueckstaendigen Gesellschaft zu tun. Die sechs Millionen Einwohner lebten zwar nicht im Ueberfluss, aber sie hat-ten alles, was sie brauchten. Die Architektur war prachtvoll, reiner Luxus. Wir hatten gelesen, dass die meisten Jemeniten Analpha-beten seien, doch die kleinsten geschaeftlichen Vereinbarungen wurden auf Papier festgehalten. Nur gab es keine Institution, die, wie bei uns die Schule, das Monopol der Wissensvermittlung hat. Man lernte von den Eltern, was man zum Leben brauchte. Es gab keine Armen, keine Bettler, keine Slums. Der Binnenmarkt deckte alle Beduerfnisse der Bevoelkerung. Dennoch hatten wir fuer die Revolution Partei ergriffen. Wir glaubten an das, was im Westen als Fortschritt gilt.


Zehn Jahre spaeter war die Landwirtschaft ruiniert, ueberall herr-schte Korruption, praechtige Bauten waren dem Erdboden gleich-gemacht worden, um Strassen fuer die jetzt eingefuehrten Autos zu bauen und moderne Hotels fuer Touristen. Auch das Berufsethos fiel dem 'Fortschritt' zum Opfer. Frueher sorgten strenge Regeln fuer die Sicherung der Chancengleichheit. Alle Mitglieder eines Berufsstandes hatten die gleichen Rechte und Pflichten. Von jetzt an entschied allein die Konkurrenz. Was wir zunaechst als Beginn der 'Entwicklung' gefeiert hatten, war in Wirklichkeit der Beginn der Unterentwicklung."

Verarmungshilfe


"Es fiel uns wie Schuppen von den Augen und wir praegten den Begriff der 'Vor-Unterentwicklung'. So bezeichneten wir einen Zu-stand, in dem die Wirtschaft eines Landes ausschliesslich auf die Beduerfnisse der Bevoelkerung ausgerichtet ist. Erst wenn ein Land in den Welthandel eingeklinkt wird, wenn seine Wirtschaft den Gesetzen des Weltmarkts ausgeliefert ist, erst dann beginnt jener Prozess, den wir heute Unterentwicklung nennen.


Diesem Aspekt der 'Unterentwicklung durch Modernisierung' wid-meten wir eine ganze Fernseh-Reihe, der wir den Titel Im Namen des Fortschritts gaben. Die unaufhaltsam fortschreitende kulturelle und wirtschaftliche Verarmung der Massen in den sogenannten Entwicklungslaendern bestaetigt unsere damaligen Analysen.


Der real-existierende Sozialismus hat Pleite gemacht. Er war ja nichts anderes als ein Staatskapitalismus, der nicht weniger fort-schrittssuechtig war als der real-existierende Kapitalismus und sich ebensowenig um das Wohl der Menschen kuemmerte. Dass der Kapitalismus jetzt triumphierend seinen Sieg feiert, ist ein Hohn, denn seinen Erfolg im Norden der Erde zahlen zwei Drittel der Menschheit mit fortschreitender Verarmung und mit Millionen von Hungertoten. Nicht von ungefaehr sprechen Autoren der Dritten Welt von einem schleichenden Holocaust."

Beziehungen und Zusammenarbeit

Das Weltbild von Troeller/Deffarge wurde nicht nur durch eigene Erfahrungen und Recherchen gepraegt. Sie hatten auch das Glück, Menschen zu begegnen, die ihnen halfen, diese zu ordnen. Die wichtigsten sind Francois Partant, Ingrid Becker-Ross, Ivan Illich, Francisco Juliao, Silvia Perez Vitoria, Marie-Christine Aulas. Sie waren oft Mitarbeiter und wurden zu Freunden.


Francois Partant war entscheidend an den ersten Filmen der Reihe Im Namen des Fortschritts beteiligt. Ingrid Becker-Ross hat alle Fil-me der Reihen Frauen der Welt und Kinder der Welt mitgestaltet, und bei etlichen Filmen der Reihe Im Namen des Fortschritts war sie ebenfalls beteiligt.


1974 trennen sich Troeller/Deffarge als Paar. Marie-Claude Deffar-ge geht nach Paris, sie arbeiten aber bis zu ihrem Tod 1984 weiter zusammen.


Mittlerweile ist Ingrid Becker-Ross Troellers Lebensgefaehrtin ge-worden und, obwohl Troeller behauptet, er habe mit der Ehe wenig im Sinn, heiraten sie 1986.


"Wir reisen ja nicht, um festzustellen, daß unsere Thesen stimmen"


Dass die gemeinsam erarbeiteten Thesen, auf denen die Aussa-gen der Filme basieren, hinterfragt und korrigiert werden muessen, beschreibt Troeller so:


"An Ort und Stelle gehen wir davon aus, dass sich vieles veraen-dert hat, die erarbeitete Dokumentation oder die bisherigen Erfahr-ungen moeglicherweise ueberholt sind. Wir gehen ja nicht auf Rei-sen, um festzustellen, dass unsere Thesen stimmen. Wir koennen durchaus verwirrt sein, wenn unsere Arbeitshypothesen nicht stim-men, aber wir sind nicht ungluecklich darueber. Uns geht es darum, aus neuen Situationen Neues zu lernen.


In Tansania zum Beispiel haben sich unsere Ausgangsthesen nicht bestaetigt. Bei unserem ersten Besuch 1964 hatte uns Tansania begeistert. Zehn Jahre spaeter, als wir den Film Zum Teufel mit der Schule drehen wollten, machte es uns traurig. Die wirtschaftliche Lage, die menschlichen Beziehungen, die Korruption - alles war jetzt katastrophal. Daran konnten auch die gutgemeinten Schulver-suche in den Ujama-Doerfern nichts aendern. Wir haben daraus gelernt, dass eine soziale Veraenderung nicht zu erzielen ist, so-lange das Wirtschaftssystem nicht veraendert wird. Deshalb muss-te die Schulreform, die Nyerere in Angriff genommen hatte, schei-tern. Wir haben das sehr deutlich gesagt, auch wenn wir darueber nicht gluecklich waren. Nach diesem Film wurden wir von Nyerere-Fans heftig angegriffen. Aber sollten wir einem Mythos aufsitzen? Uns schien es wichtiger, zu zeigen, was wir gelernt hatten: dass eine Gesellschaft sich nicht veraendern kann, wenn das Wirt-schaftssystem und die Beziehungen zu den reichen Laendern die gleichen bleiben. Nyerere war der Gefangene einer neuen Bour-geoisie geworden, die ihre Privilegien ausbaute, anstatt an das Wohl der Bevoelkerung zu denken."

Erste Filme - erste Probleme


Das Filmen begann fuer Troeller/Deffarge eigentlich durch Zufall. Sie machten eine Reportage bei den Turkmenen an der sowje-tisch-iranischen Grenze. Troeller hatte eine kleine Filmkamera da-bei, waehrend Marie-Claude Deffarge fotografierte. Als sie die Er-gebnisse ihrer Arbeiten verglichen, wurde ihnen klar, dass sie sich mehr aufs Filmen verlegen sollten.


"Die Fotos waren schoen, ja, hinreissend, aber sie unterschlugen die Realitaet. Der Film hingegen verheimlichte nichts: die Kroepfe, das Elend, die aufgetriebenen Leiber. Mit dem Fotoapparat sucht man in erster Linie das aesthetische Bild, das Besondere, den Reiz des Lichts. Mit der Filmkamera hingegen muss man auch mal die Gesamtheit zeigen und dann entdeckt man, was schoene Bilder oft verdecken: die Wirklichkeit. Von nun an nahm ich immer eine Film-kamera mit und so entstanden in Zusammenhang mit den Fotore-portagen fuer den Stern eine ganze Reihe von Filmen."


Einige werden von der BBC ausgestrahlt (Jemen, Dhofar, Suedsu-dan), aber Hauptabnehmer ist das franzoesische Fernsehen. Die Zusammenarbeit laeuft problemlos, bis Troeller/ Deffarge 1972 ei-nen Film in Madagaskar drehen, einer frueheren franzoesischen Kolonie. In ihrem Film gehen sie nicht nur auf die aktuelle Situation, sondern auch auf die Folgen der Kolonisation ein und lassen Men-schen zu Wort kommen, die direkt davon betroffen waren.


"So erzaehlt ein Mann vom Volk der Antandroy, zu welchen Exzes-sen die Logik der Kolonisierung fuehren kann. Dank eines Riesen-kaktus, dem Rakket, hatten die Antandroy fuer sich und ihre Rin-derherden eine optimale Existenzmoeglichkeit gefunden. Die Men-schen ernaehrten sich von den Fruechten der Kakteen und von der Milch und dem Fleisch ihrer Tiere. Waehrend der Trockenzeit konnten die Rinder dank der saftigen Kakteen ueberleben. Aus der Sicht der Kolonialherren hatte dieses System einen grundlegenden Fehler: die Antandroy hatten es nicht noetig, fuer Fremde zu arbei-ten. Und da sie Dickkoepfe sind, konnte auch die Kopfsteuer sie nicht dazu bewegen. Sie versteckten sich einfach im Labyrinth ihrer Kakteenfelder, aus denen selbst die gefuerchteten Kolonialtruppen aus dem Senegal sie nicht vertreiben konnten. Daraufhin fuehrten die Franzosen ein Insekt ein, die Schildlaus. Innerhalb von zwei Jahren zerstoerte sie alle Kakteen der Gegend. 300.000 Rinder starben. Eine Hungersnotbrach aus, die bis heute anhaelt.


In Frankreich war der amerikanische Einsatz von Entlaubungsmit-teln in Vietnam heftig kritisiert worden. Dass aber die Franzosen selbst schon Jahrzehnte vorher aehnliche Mittel angewandt hatten, um die Lebensgrundlage eines Volkes zu zerstoeren, durfte im franzoesischen Fernsehen nicht gesagt werden."


Der Film Die Revolution der kleinen Leute, 1973 in Madagaskar gedreht, wird abgelehnt. Troeller/Deffarge kommen auf eine 'Schwarze Liste' und koennen anschliessend keine Filme mehr im franzoesischen Fernsehen unterbringen.

Keine Zeit zum Traeumen: Film - Bild - Kommentar




Seit 1970 widmet sich Troeller ausschließlich dem Film. Damit ver-binden sich andere Arbeitsweisen, aber auch andere Ansprueche und Erwartungen seitens des Publikums.


"Ich hatte als schreibender Journalist begonnen, aber sehr bald er-kannt, dass die Dritte Welt mit Worten allein nicht darzustellen ist. Bilder sind notwendig. Also begannen wir, unsere Berichte mit Fo-tografien zu illustrieren und landeten beim Stern.


Fuer eine Reportage waren wir meist vier bis sechs Wochen unter-wegs und konnten anschliessend schreiben, soviel wir wollten: vier bis sieben Folgen, je nachdem, wieviel Material wir mitbrachten. Fuer jede brauchten wir ein paar 'starke Aufmacherfotos', um die Leser neugierig zu machen, und mehrere Bilder fuer den Text. Die-se mussten keineswegs belegen, was im Text stand. Sie waren hauptsaechlich der Beweis, dass wir vor Ort gewesen waren und gewissenhaft recherchiert hatten.


Die Fernsehnorm fuer Dokumentarfilme hingegen stellt mich vor Anforderungen, die kaum zu bewaeltigen sind. Da soll in 45 - und neuerdings sogar in nur 30 Minuten - schluessig belegt werden, was in langen Recherchen ermittelt wurde. Vor allem sollen auch noch die Bilder das beweisen, was im Kommentar gesagt wird. Da ich grundsaetzlich keine Szene stelle, kommt es schon vor, dass sich Bild und Text nicht gegenseitig belegen. Bei Reiseberichten oder Propagandafilmen ist das einfach, bei wirtschaftlichen und politischen Analysen hingegen ganz unmoeglich.


Man wirft mir auch vor, zu dicht zu texten, den Kommentar zu über-laden. Die Puristen sind der Meinung, dass ein Dokumentarfilm hauptsaechlich von der Aussagekraft des Bild- und Tonmaterials leben sollte und deshalb letztlich auf den Kommentar verzichten muesste. Wenn ich einen Film ueber die Bundesrepublik drehen wuerde, wo die Zuschauer mit der Situation vertraut sind, wuerde auch ich vermutlich weniger sagen. Wenn es jedoch um Fremdes, um die Problematik der Dritten Welt geht, werden kommentarlos ablaufende Bilder die bestehenden Vorurteile nur untermauern. Das heisst, dass der Zuschauer das wenige, das er auf diesem Ge-biet weiss, auf die Bilder projiziert und sich in seinen Vorurteilen bestaetigt fuehlt. Wenn zum Beispiel ein Landarbeiter im Nordosten Brasiliens von der Misere seiner zehnkoepfigen Familie spricht und sagt, dass sie langsam verhungern, dann muss ich die Zusammen-haenge erklaeren, die fuer das Elend verantwortlich sind, sonst naemlich sagt sich der Zuschauer: der soll mehr arbeiten und nicht so viele Kinder zeugen, der ist doch selbst an seinem Elend schuld. Ich muss auch erklaeren, dass dieser Mann und seine Familie tat-saechlich chronisch unterernaehrt sind, denn Unterernaehrung sieht man den Menschen meist nicht an.


Oder in einem Fluechtlingslager in Mosambik. Was soll ich da fil-men? Die Menschen sind einfach kaputt. Seelisch und koerperlich. Unsere Bilder koennen das kaum vermitteln. Menschliches Leid stellt sich in jedem Kulturkreis anders dar. Dort weniger deutlich fuer uns, denn unsere Lebensbedingungen, unsere Erwartungen sind nicht uebertragbar. Auch das muss gesagt werden.


In einem Kino in Paris lief einmal unser Film ueber den Iran Die Weisse Revolution. Nach der Vorfuehrung rief eine Zuschauerin : 'Das ist unertraeglich. Ihr lasst uns keine Zeit, ueber den Bildern zu traeumen.' Und Marie-Claude Deffarge antwortete: 'Genau das ist unsere Absicht. Ihr sollt keine Zeit zum Traeumen haben. Dann naemlich steigen in euch jene Klischees auf, die die Regenbogen-presse und andere Medien euch in den Kopf gesetzt haben. So zu traeumen heisst, sich der Wirklichkeit zu entziehen.


Es heisst auch immer wieder, wir sollten die Menschen in unseren Filmen mehr zu Wort kommen lassen und selbst weniger reden. Ich berichte aus einer Welt, die der Zuschauer nicht kennt, und die, ueber die ich berichte, kennen die Welt des Zuschauers nicht und koennen sie ihm nicht erklaeren. Ich hingegen kenne beide Welten und versuche, zu vermitteln. Wenn ich einen Indio in Peru frage, warum es seiner Familie so schlecht geht, dann wird er mir aus se-inem begrenzten Lebensfeld heraus kaum schluessige Antworten geben koennen. Frage ich ihn aber nach seinen taeglichen Proble-men, wird er mir bis ins Detail seine Lebensumstaende schildern koennen. Dieses Wissen vermittle ich im Kommentar aufs Wesent-liche gekuerzt und stelle es zudem noch in den gesellschaftlichen und politischen Kontext. Fuer lange Interviews fehlt leider die Zeit. Also kann ich sie nur in ihrem Alltag zeigen und erklaeren, warum sie so leben. Ich sage nicht, dass das die Idealloesung ist, aber die Zuschauer sollten auch ein wenig Vertrauen in den Filmemacher setzen."

Drehgenehmigungen

 

"Filmemacher haben gegenueber schreibenden Journalisten noch einen anderen Nachteil: Sie brauchen eine Drehgenehmigung. Das gilt fuer die meisten Laender der Dritten Welt. Vor dem Fernsehen haben die Maechtigen dieser Laender eine gewaltige Angst. Sie haben sich naemlich mit Leib und Seele dem westlichen Fort-schrittsmodell verschrieben und geben keine Ruhe, solange sie aus ihrem Volk nicht Karikaturen der ehemaligen Kolonialherren gemacht haben. Wer Barfuessige filmt, verletzt die Ehre des Lan-des. Nur wenn man die Kamera auf das haelt, was die Herrschen-den fuer modern halten: Geschaeftsstrassen, Wolkenkratzer, schlagkraeftige Armeen, Buerger im Western-Look und Bauern mit Krawatte, gilt man als 'objektiver Filmemacher'. Um sicher zu sein, dass man nicht filmt, was ihrer Meinung nach dem Ansehen des Landes schaden koennte, wird man meist von einem Beamten des jeweiligen Informationsministeriums begleitet. Aber das ist halb so schlimm. Entweder man legt ein derartiges Tempo vor, dass er nach wenigen Tagen lieber im Auto schlaeft, als den Wachhund zu spielen, oder man bessert sein Gehalt ein wenig auf.


In Aegypten verlangte der Chef des Informationsministeriums mein 'Ehrenwort als Gentleman', dass ich ohne Begleiter nicht filmen wuerde. Ich gab es freimuetig und filmte anschliessend auf Teufel komm raus. Ich konnte mir naemlich unter den gegebenen Umstän-den nicht vorstellen, was dieser wichtige Herr unter 'Gentleman' versteht und habe deshalb einen unserer schoensten Filme nach Hause gebracht. Selbstverstaendlich protestierte die aegyptische Botschaft in Bonn nach der Ausstrahlung des Films.


Um in Indien filmen zu duerfen, muss man unterschreiben, den Film vor der Ausstrahlung der Botschaft in Bonn vorzufuehren und allen eventuellen Aenderungswuenschen zu entsprechen. So wurde zum Beispiel ein Bericht der ARD ueber Indira Gandhi dreizehn mal ver-aendert, bis nichts mehr uebrig blieb als reine Hofberichterstattung.


Die in Indien akkreditierten TV-Korrespondenten muessen jeden Bericht, der laenger als acht Minuten ist, der Zensur vorlegen. Auch ich unterschrieb vor einigen Jahren, dass ich den Film der Botschaft vorlegen wuerde, tat es dann aber selbstverstaendlich nicht. Ich wollte es auf einen Prozess ankommen lassen, endlich ei-nmal der Oeffentlichkeit klar machen, mit welchen Schwierigkeiten TV-Korrespondenten in der Dritten Welt zu kaempfen haben. Lei-der beliess es die indische Botschaft bei einigen Drohanrufen bei Radio Bremen."

Ueber die Arbeit der Korrespondenten


"Ich kann mir einen solchen Eklat leisten, denn ich bin nicht ge-zwungen, noch einmal in Indien zu drehen. Aber wie steht es mit den dort akkreditierten Korrespondenten? Die muessen sich mit Kritik zurueckhalten, sonst sind sie weg vom Fenster. Und das gilt fuer die meisten Laender. der Dritten Welt. Dass die Korrespon-denten und ihre Anstalten sich damit abfinden, ist selbstverstaend-lich. Sie haben keine Wahl. Da hat sich ein Mensch auf ein Land eingestellt, hat alles gelesen, die noetigen Kontakte geknuepft, eine schoene Wohnung und liebe Freunde und nun soll er all das aufs Spiel setzen, indem er berichtet, was wirklich Sache ist? Wem kann man das schon zumuten? Die Anstalten sind ja einverstan-den.


Hier liegt einer der Gruende, weshalb sich unsere Filme so radikal von der ueblichen Auslandsberichterstattung unterscheiden. Wir brauchen keine Ruecksichten zu nehmen. So wird vielleicht auch verstaendlich, warum unsere Berichte von vielen Fernsehgewalti-gen immer wieder als ueberspitzt, verzerrt, dogmatisch, apodiktisch oder unsachgemaess kritisiert werden. Sie enthuellen naemlich beim genauen Hinsehen, dass die festen Korrespondenten aus der Dritten Welt nur sehr beschraenkt berichten koennen und das kostspielige Nachrichtennetz der Anstalten zwar schnelle Nachrich-ten, aber nur oberflaechliche Analysen liefern kann oder darf.


Printmedien haben die gleichen Probleme. Deshalb schicken sie hin und wieder einen Sonderkorrespondenten in die betreffenden Gebiete. Was der dann schreibt, kann dem akkreditierten Vertreter nicht angelastet werden, obwohl meist er es ist, der die brisanten Informationen liefert und so endlich einmal Dampf ablaesst, ohne fuerchten zu muessen, des Landes verwiesen zu werden.


Als eine Art 'Sonderkorrespondenten' sollte man auch uns akzep-tieren, anstatt uns vorzuwerfen, in 'fremden Jagdgruenden zu wil-dern'.


Unsere Filme bringen manchmal sogar den lokalen Vertreter der ARD in Schwierigkeiten, denn sie werden ja im ersten Programm ausgestrahlt. Oft genuegt dann der Hinweis, dass wir gar nicht da-zu gehoeren, sondern freie Mitarbeiter sind. Jedesmal, wenn es Aerger gab, konnte dieses Argument den Korrespondenten zumin-dest entlasten. Deshalb stellen wir uns auch nie bei ihm vor oder bitten ihn um Hilfe. Er (oder sie) soll nicht mit uns in Verbindung ge-bracht werden koennen. Die Korrespondenten haben keinen ein-fachen Job.


Hautnah erlebten wir das vor vielen Jahren in Indien, als wir eine Reportage fuer den Stern machten. Wir wohnten bei Hans-Walter Berg, dem damaligen Korrespondenten in Delhi. Er gab uns seine Informationen, die er jahrelang hatte zurueckhalten muessen, und wir schrieben einen aufsehen erregenden Bericht. Kurz darauf fragte ihn ein Herr der Deutschen Botschaft in Delhi, ob er wisse, wen er beherbergt habe. 'Gordian Troeller und Marie-Claude Def-farge' war seine Antwort. - 'Sie irren, Troeller ist Bormann, der Stellvertreter des Fuehrers. Die indische Regierung hat uns den Tip gegeben'. Da konnte Hans-Walter Berg sich vor Lachen nicht mehr einkriegen, denn wir hatten uns schon als Kinder kennen-gelernt."

Der Mut des Redakteurs


Was die Redaktion von Radio Bremen immer wieder erstaunt, ist die grosse Zahl von Zuschauerbriefen. Es gab Filme, da musste sie bis zu 1.500 Zuschriften bewaeltigen, davon waren die meisten po-sitiv. Bemerkenswert scheint dabei vor allem, dass es immer wieder heisst: "Wo nimmt Troeller den Mut her, so zu berichten, er soll um Gottes Willen so weitermachen, sich nicht unterkriegen lassen." Es wurden sogar Unterschriften gesammelt und Protestmeetings orga-nisiert, als Troellers Position nach der Ausstrahlung des Films Die Nachkommen Abrahams - einer kritischen Bewertung der israeli-schen Besatzungspolitik - gefaehrdet schien.


"Viele Zuschauer wissen also, dass das, was sie alltaeglich an Be-richten serviert bekommen, nicht unbedingt ihrer Information dient. Sonst naemlich wuerden sie nicht befuerchten, dass es Kopf und Kragen kosten kann, wenn man gegen diesen Informationsstrom anschwimmt."


Troeller meint jedoch, dass es nicht sein Verdienst ist, weiterhin im Programm zu sein. Das hat er vor allem Elmar Huegler, dem ver-antwortlichen Redakteur von Radio Bremen zu verdanken, der trotz massiven Drucks zu seinem Autor steht.


"Seinen Mut sollten die Zuschauer wuerdigen. Mein Verdienst ist es lediglich, dass ich nicht bereit bin, meine Filme der Vorherrschen-den Meinung' anzupassen und mich weigere, den fortschreitenden Verdummungs- und Entpolitisierungsprozess zu unterstuetzen. Ich versuche nur, die angeblich wertfreien und somit meist wertlosen Informationen wertend zu demystifizieren."

Die entwicklungspolitische Diskussion und das 'Scheitern der Modelle'


"Weil ich keiner Partei angehoere, ideologisch nicht so recht einzu-ordnen bin, gingen die meisten 'Dritte-Welt-Theoretiker' zu mir auf Distanz. Auch weil ich mich an der theoretischen Diskussion nicht beteiligte, sondern mich damit begnuegte, an konkreten Beispielen aufzuzeigen, wie sehr die im Norden konzipierten Theorien im Sue-den in der Praxis versagten.


Dass die gesamte 'Entwicklungsstrategie' zur fortschreitenden Ver-armung der betroffenen Voelker gefuehrt hat, wird heute fast ein-muetig anerkannt. Man spricht vom 'Scheitern der Modelle' und be-dauert, dass sich die Dritte Welt 'jenseits theoretischer Begreifbar-keit' unterentwickelt hat.


Offensichtlich hat man einen der Wesenszuege der Entwicklungs-hilfe nicht beruecksichtigt, die Tatsache naemlich, dass sie Men-schen zusammenfuehrt, zwischen denen ein unueberbrueckbares Machtgefaelle besteht und deren Interessen nicht zu vereinbaren sind. Der Duenkel, Menschen anderer Kulturen 'zu entwickeln', also dem Selbstbild anzupassen, kann doch nur dazu fuehren, her-kömmliche Ueberlebensstrategien zu zerstoeren und selbstaendige Initiativen im Keim zu ersticken.


Das ist im sogenannten Abendland seit wenigstens 500 Jahren Tradition. Zunaechst musste das Christentum dafuer herhalten, den Ueberlegenheitsanspruch des weissen Mannes zu rechtferti-gen. All jene, die nicht wie er an seinen angeblich einzig wahren Gott glaubten, erklaerte er zu minderwertigen Geschoepfen, zu Heiden, denen er das Heil bringen muesse, hatte doch Gott den Christen aufgetragen, dies zu tun. So kuerte der weisse Mann sich zur Krone der Schoepfung und zum Retter der Menschheit.


Die Ergebnisse sind bekannt: Unter dem Schutz des Kreuzes wüte-ten Feuer und Schwert. Millionen wurden ermordet, Millionen wur-den versklavt und wer uebrigblieb, wurde getauft.


Das war das erste Entwicklungsmodell, das Europa, wo immer es konnte, der uebrigen Welt aufzwang. Es wurde dabei reich, die Be-kehrten hingegen immer aermer, vor allem kulturell.


Im Laufe der Zeit entdeckten die Europaeer, dass der Glaube die Welt doch nicht erklaeren koennte. Wissenschaft und Rationalitaet traten an seine Stelle. Von nun an wurden sie ins Feld gefuehrt, um die Ueberlegenheit des weissen Mannes zu rechtfertigen. Mate-riell war er ja der staerkere und konnte den Sueden der Welt zwin-gen, seinem Vorbild nachzueifern.


So entstand das zweite Entwicklungsmodell, und es wirkte nicht we-niger zerstoererisch als das erste: 60% der Suedbevoelkerung le-ben heute unterhalb der Armutsgrenze, taeglich sterben dort 40.000 Kinder an Hunger oder leicht zu heilenden Krankheiten. Die Schulden der Laender der Dritten Welt belaufen sich mittlerweile auf 1.900 Milliarden Dollar - eine unvorstellbare Summe. Zwar pum-pen die Industrienationen jaehrlich etwa 10 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe in diese Laender, doch von dort fliessen in der gleichen Zeit an die 60 Milliarden Dollar in die Banken des Nor-dens. Dennoch wird kraeftig weiter 'entwickelt'. Das neue Evange-lium heisst Fortschritt, Modernisierung und wird nicht weniger fana-tisch verbreitet als das Christentum. Bekehrt werden die 'Heiden' in unseren Universitäten und in Schulen, die von uns eingefuehrt wur-den. Die neuen Missionare nennen sich Entwicklungshelfer und wie seinerzeit Kirchen und Kathedralen schiessen allerorts Entwick-lungsprojekte aus dem Boden. Ein wirtschaftlicher Aufschwung ist dennoch nicht in Sicht, die kulturelle Gleichschaltung hingegen ist nahezu abgeschlossen.


Bei den Navajos in Nordamerika stiess ich auf eine ueberlieferte Prophezeiung. Sie besagt, wenn alle Menschen die gleiche Spra-che sprechen, ist das Ende der Welt gekommen. Tatsaechlich gibt es wohl keine Alternative mehr zum Denken des weissen Mannes, es sei denn, in seiner Gesellschaft wuechse die Besinnung und fuehrte zu einem radikalen Umdenken.


Angesichts des entwicklungspolitischen Debakels und der daraus drohenden Gefahr fuer den Norden wird auf hoechster Ebene er-wogen, den verarmten Teil der Menschheit nicht mehr als Entwick-lungspotential zu betrachten, sondern als  globalen Sozialfall zu be-handeln. Das heisst, sie nach vorprogrammierter Verarmung nun endgueltig zu Bettlern zu erklaeren und ihnen genug zu geben, da-mit sie nicht aufmuepfig werden. Caritas zu unserem Nutzen.


Die Theoretiker hingegen geben sich weiter Muehe, neue Entwick-lungsmodelle zu entwerfen. Schon 1974 denunzierte ich in der Se-rie Im Namen des Fortschritts die gaengige 'Entwicklungshilfe' als "Verarmungshilfe". Damals wurde ich als 'linker Spinner' abgetan und heute wollen Spezialisten nicht wahrhaben, dass jemand, der keine 'wissenschaftliche Legitimation' hat, immerhin schon vor fast 20 Jahren das Scheitern jeder wie auch immer ausgerichteten Ent-wicklungspolitik voraussagte.


Ich bin weiterhin der Meinung, dass es selbst eine 'alternative Ent-wicklung' nicht geben kann, sondern allenfalls eine Alternative zur Entwicklung, und die kann nur von den Betroffenen selbst gefun-den werden, unter Ausschluss der 'Entwicklungshelfer'.


Damit stehe ich schon wieder im Gegensatz zu den Spezialisten und der Mehrzahl der NRO's (Nichtregierungsorganisationen), de-ren Vertreter - wohl bezahlt, versteht sich - den angeblich 'Unter-entwickelten' mit zweifelhaften Rezepten zu einem besseren Leben verhelfen wollen. Dass die Ueberlebensstrategien dieser Men-schen, die von unseren Theoretikern als 'Schattenwirtschaft' be-zeichnet werden, nach dem voraussehbaren Kollaps der Umwelt und damit unseres Wohlstandes wahrscheinlich dann auch die un-seren sein werden, das will keiner hoeren."

Nachtrag


Bis 1998 hat Gordian Troeller noch gedreht. Mit 82 Jahren hoert er schweren Herzens auf zu filmen. Gleichgewichtsstörungen machen ihm die Arbeit mit seiner geliebten 16mm Kamera unmoeglich. „Kin-der dieser Welt“, diese letzte Filmserie,  schließt er mit einem Zu-sammenschnitt aus seinen frueheren Dokumentationen ab – einer Art Bilanz, die 1999 gesendet wird. Der Titel: „Wenn die Irrtuemer verbraucht sind“.


† Gordian Troeller starb am 22. Maerz 2003


In 36 Jahren und 89 Filmen hat er die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen an vielen Brennpunkten des 20. Jahr-hunderts mit der Kamera verfolgt. Ueber fast alle Freiheitsbewe-gungen der zweiten Haelfte des vergangenen Jahrhunderts hat er berichtet. Er hat die Antriebskraefte der westlichen Gesellschaften analysiert, ihr Selbstverstaendnis in Frage gestellt und vor den Auswirkungen des „Fortschrittsdenkens“ gewarnt.

Wuerdigungen & Literatur

Sonderpreis des 'Festival International du Film de Court Metrage et du Film Documentaire' in Grenoble 1976 fuer den Film "Die Weisse Revolution".


'Ehrenhexe' -verliehen durch die 'Fraueninitiative 6. Oktober' an-läßlich des 2. Bundeskongresses vom 20.-23. Mai 1982. »Der l. Preis wird an einen Mann verliehen, an dem eine Feministin verlo-rengegangen ist.«

20. Adolf-Grimme-Preis mit Bronze 1984 für den Film "Bitterer Zu-cker".


Die Eule des Monats Juni 1985


Preis fuer beispielhafte kritische Kindermedien, verliehen von der Redaktion der Zeitschrift Bulletin Jugend und Literatur fuer die Rei-he "Kin-der der Welt".


21. Adolf-Grimme-Preis mit Silber 1985 ging an Gordian Troeller (Buch und Regie) und Elmar Huegler (Redaktion) fuer den Film "Die Saat des Fortschritts oder Das Ende der Entwicklung". Die Auszeichnung Gordian Troellers gilt auch dem Andenken seiner langjaehrigen Mitarbeiterin Marie-Claude Deffarge.


Preis des Europarates 1985 fuer den Film "Die Saat des Fort-schritts oder Das Ende der Entwicklung".


Journalistenpreis Entwicklungspolitik 1986 des Bundesministeriums fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit fuer den Film "Die Vergesse-nen".


Kritikerpreis 1987 fuer Fernsehen fuer die Reihe "Kinder der Welt".


Unmittelbarer Anlass fuer diese Auszeichnung war der Film "Die Verlassenen" ueber Kinder in Honduras.


Wuerdigung im Rahmen einer Filmwoche in Luxemburg im Novem-ber 1987.


Internationaler Medienmarkt Muenchen 1989 'Hommage ä Gordian Troeller'.


Die 'Besondere Ehrung' beim 28. Adolf-Grimme-Preis 1992


Ausgewaehlte Literatur :


Aulas, Marie-Christine: 'Je ne veux pas que les Gens revent sur nos Ima-ge...' Entretien avec Claude Deffarge, In Ecran 78, 1978


Balsen, Werner: Entdecken, was schöne Bilder oft verdecken: die Wirk-lichkeit. Gordian Troeller und seine Dokumentarfilme, in: Spektrum Film Nr. 2,1985


Chantal, Suzanne: La Chaine et la Trame. Paris 1950


CON-Film (Hrsg.): Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge im Gespraech. Bremen 1988


CON-Film (Hrsg.): Dossier ueber die Auseinandersetzungen um den Film "...denn ihrer ist das Himmelreich" aus der Reihe "Kinder der Welt", Bremen 1984


CON-Film (Hrsg.): Dossier ueber die Auseinandersetzungen um den Film Die Nachkommen Abrahams aus der Reihe "Kinder der Wel"t, Bremen 1989


Deffarge, Claude; Gordian Troeller: Yemen 62-69. De la revolution sau-vage ä la treve des guerriers. Paris 1969


Deffarge, Marie-Claude; Gordian Troeller: Frauen der Welt. Frank-furt/M. 1984


Deffarge, Marie-Claude; Gordian Troeller: "Die Herren". Ein Pam-phlet gegen die Maennerherrschaft. Frankfurt/M. 1985


Garcia, Robert: Gordian (Charles) Troeller, der verlorene Sohn. Ei-ne spaete Wuerdigung fuer einen Luxemburger Exoten, in:d'Letze-burger Land Nr. 45,1987


Garcia, Robert: Abrechnung mit den Maechtigen - der Filmemacher Gordian Troeller, in: Letzebuerger Almanach, Luxemburg 1989


Haustrate, Gaston: Entretien avec Claude Deffarge et Gordian Troel-ler, in:Cinema 77, April 1977


Heller, Peter: Wenn es um die Dritte Welt geht, muss man viel er-klaeren. Ein Gespraech mit Gordian Troeller, in: Trickster 18, März 1990


Kobe, Werner: Dritte Welt im Kino - Bemerkungen zu den Filmen von Gordian Troeller und Claude Deffarge, in: Journal Film Nr.2, 1981


Kober, Frank: "Kein Respekt vor heiligen Kuehen". Der Dokumen-tarfilmer Gordian Troeller im Gespraech, in: Film und Fernsehen 9, 1990


Koch-Kent, Henri: Vu et Entendu, vol.2, Annees d'Exil 1940-45. Lu-xemburg 1986


Petat, Jacques: Bio-Filmographie Commentee, in: Cinema 77, April 1977


Planete-Films Diffusion (Hrsg.): Claude Deffarge, Gordian Troeller. Brüssel 1984


Seifert, Heribert: Drastische Botschaften, in: Weltbühne 25, 1992


Serceau, Daniel: Au Nom du Proges - vingt films des Gordian Troeller et Marie-Claude Deffarge, in: CinemAction tricontinental: Numero special. Paris 1981


Troeller, Gordian: Persien ohne Maske. Berlin 1958


»Wer erklaert mir, was ein Feature ist?« - Protokoll einer Diskus-sion mit Gordian Troeller (waehrend der Duisburger Dokumentar-filmwoche 1984), in: Zelluloid 23, Winter 1985


Troeller, Gordian: "Kein Respekt vor heiligen Kuehen", in: Zelluloid 27, Herbst 1988

Ehrenmitgliedschaft Deutsch-Eritreische Freundschafts- Gesellschaft (DEFG)


Sehr geehrte Damen und Herren,


bei meiner Internetrecherche zu Gordian Troeller musste ich fest-stellen, dass die Ehrenmitgliedschaft des Filmemachers in der Deutsch - Eritreischen Freundschafts - Gesellschaft (DEFG) nir-gendwo auftaucht.


Dies ist für uns sehr bedauerlich!  Wir hoffen, dass durch einen Eintrag unseres Urkundentextes in Ihrer Rubrik Würdigungen, ein weiteres Mosaiksteinchen über diesen großartigen Filmemacher und Menschen gelegt werden kann.


Mit freundlichen Grüßen


Günter Kletti


Vorsitzender

URKUNDE


Lieber Gordian Troeller,


fuer Deine Arbeit als Filmemacher hast Du schon viele bedeutende Auszeichnungen erhalten.


Dagegen nimmt sich diese Urkunde eher bescheiden aus.


Indes, dies passt ja auch ganz gut zu Eritrea, wo alles noch ein bis-schen bescheiden, ein bisschen improvisiert und ein bisschen pro-visorisch ist, aber nichtsdestoweniger Entschiedenheit, Klarheit und Willensstaerke ausdrueckt.


Die Deutsch-Eritreische Freundschafts-Gesellschaft moechte je-denfalls zum Ausdruck bringen, dass sie stoiz ist, Dich in ihren Rei-hen zu haben, und ernennt Dich hiermit aufgrund Deiner besonde-ren Verdienste um das Eritreische Volk zu ihrem ersten Ehrenmitglied.


Wir wuenschen Dir noch viele Jahre voller Schaffenskraft, und wir wuenschen uns, dass Du uns noch viele Jahre bei guter Gesund-heit erhalten bleibst.


Hamburg, den 4. September 1993 

Der Vorstand


Tesfai Negasi  und  Norbert Schaaf

Ingrid Becker-Ross-Troeller


Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge lernte ich gegen Ende  meines Studiums der Germanistik und Romanistik 1966 in Ham-burg kennen. Ihre Art zu leben und zu arbeiten, ihre politischen An-sichten und Analysen faszinierten mich. Die beiden zeigten mir das Weltgeschehen unter einem voellig neuen Gesichtswinkel und oeff-neten mir die Augen ueber viele Probleme, die ich mit der bundes-republikanischen Gesellschaft und mir selbst hatte. Unsere Freundschaft wurde bald sehr eng. Das Ende der 60er Jahre be-deutet fuer mich ein Ausbrechen aus vielen verkrusteten Vorstel-lungen. Wir versuchten fuer uns eine Lebensform zu finden, jen-seits der buergerlichen Zwaenge.


Nach Abschluss des Studiums und meiner Ausbildung zur Gymna-siallehrerin – die mich uebrigens begeisterte – brannte ich darauf, mir ein eigenes Bild zu machen von der entwicklungstheoretischen Thematik, die uns alle drei beschaeftigte. Also begann ich mit Hilfe eines Graduiertenstipendiums eine Promotion zu schreiben. Ich ar-beitete über die Dependenztheorie. Ausgehend von den kritischen Schriften Ivan Illichs und Paolo Freires untersuchte ich die Bezie-hung zwischen Ausbildung, wirtschaftlicher Entwicklung und sozia-ler Gerechtigkeit in den sogenannten unterentwickelten Laendern am Beispiel eines lateinamerikanischen Schwellenlandes.


Waehrend ich 1974 ein halbes Jahr lang Feldforschung in Kolumbi-en betrieb, trennten sich Marie-Claude und Gordian. Unsere Drei-erbeziehung war nach acht Jahren gescheitert. Marie-Claude ging nach Frankreich zurueck, um sich dort auf der Grundlage ihrer journalistischen und filmischen Erfahrungen selbststaendig zu machen. Die enge Zusammenarbeit an den Filmen blieb jedoch bis zu ihrem Tod 1984 erhalten.


Bereits zu Beginn der 70er Jahre hatte ich bei der Recherche und den Dreharbeiten zu einigen Filmen mitgearbeitet. Meine Erfahrun-gen in Lateinamerika machten mir deutlich, wie sehr Gordians und Marie-Claudes Fortschritts- und Zivilisationskritik ueber alle wissen-schaftlichen Ansäaetze hinaus berechtigt war.  Nach meiner Rueck-kehr aus Kolumbien erweiterte sich mein Beitrag zu den Filmen be-traechtlich. Ich brachte meine eigenen Erfahrungen, Themen und Vorgehensweisen in die Arbeit ein. 

Das Unterrichten als Lehrerin mit reduzierter Stundenzahl blieb je-doch mein zweites Standbein.


1986 ließ ich mich aus dem Hamburger Schuldienst beurlauben und arbeitete 3 Jahre lang ausschliesslich an den Themen der Filmserie "Kinder der Welt". Unsere Dreharbeiten fuehrten Gordian und mich damals zu meinem grossen Vergnuegen einmal rund um den Globus. Mein Projekt in dieser Zeit, auch in Deutschland das Aufwachsen der Kinder, die Bedingungen, unter denen bei uns Er-ziehung und Lernen stattfindet, in drei Folgen der Serie kritisch darzustellen, liess sich leider nicht verwirklichen.


1987 heirateten wir.


Als ich 1989 den Schuldienst wieder aufnahm, ging unsere Zusam-menarbeit  an den Filmen natuerlich weiter. Und so oft es moeglich war, gingen Gordian und ich gemeinsam auf Drehreise.


Gordians Krankheit und sein Sterben warfen mich fuer eine lange Zeit aus der Bahn. Erst 2007, nach meiner Pensionierung als Leh-rerin, habe ich begonnen, nicht nur unsere Filme, sondern auch Gordians und Marie-Claudes Fotos und die Zeitungsreportagen zu-sammenzutragen. Ich beabsichtige alles Stueck fuer Stück im Inter-net zugaenglich zu machen.

Marie-Claude Deffarge



WARUM IM NAMEN DES FORTSCHRITTS
 Es ist merkwuerdig, unsere beiden Leben ploetzlich von aussen zu betrachten und Bilanz zu ziehen nach 30 Jahren Arbeit und Reisen. Es ist ein bisschen, als wenn man auf dem Gipfel eines Berges steht und im Tal wie eine Fata Morgana all die Menschen vorbeiziehen sieht, denen wir begegnet sind, die kaempften, die wir ein Stueck auf ihrem Wegbegleitet haben, fuer kurze Zeit, fuer die Dauer einer Reportage. Denn wenn es eine Kontinuitaet in unserem Leben gegeben hat, dann die, Zeugen zu sein. Wir haben nichts anderes getan, als in Fotoreportagen und Filmen von Kriegen, von der Guerilla zu berichten.
 Fuer Karrieristen könnte das ein gutes Markenzeichen abgeben und wir könnten uns heute mit unseren Abenteuern bruesten: sie sind zahlreicher und amuesanter als eine Filmographie es zum Ausdruck bringen kann. Bislang sind es 35 Filme, aber mehr als 70 Fotoreportagen. Und die Reise um die Welt, die von Patagonien nach China und nach Japan fuehrte -aber auf den laengsten Wegen und ueber viele Jahre hinweg! - um die Situation der Frauen der Welt zu erforschen (in gewisser Weise auch eine Art Kriegsberichterstattung...).
 Vielen erscheint das Leben eines Reporters wie ein Traum. Abenteuer, Risiken, Reisen im Jeep oder auf dem Ruecken eines Kamels, den Atlantik ueberqueren oder in einem Hubschrauber ausbrechende Vulkane oder die Schlachtfelder von Vietnam ueberfliegen.
 Eine Tatsache ist aber auch, dass die grossen, hektischen Reporter, die ehrlich bleiben wollen, eines Tages zusammenbrechen. Die Leser und Betrachter einer Fotoreportage wissen nicht, was es heisst, aus dem bewaffneten Widerstand in Kurdistan zurueckzukehren und zu wissen, dass die Vernichtung bevorsteht, oder aus dem Suedsudan, wo man erlebt hat, wie ein ganzes Volk ausgelöscht wird - und man fast mit ihnen getötet wurde -, nachdem man im gleichen Jahr ueber Biafra und Vietnam, den Kampf um Aden vor der Unabhaengigkeit und die Belagerung von Sanaa berichtet hatte. Und dann hört man einen eingebildeten Chefredakteur sagen: "Also, gab es nicht mehr Tote, mehr Blut - nur so wenige enthauptete Herrscher?"
 Dann möchte man am liebsten alles hinschmeissen.
 Dass wir es nicht getan haben, dafuer gibt es sicher zwei Gruende: vor allem, weil wir immer den uebertrieben hektischen Stil abgelehnt haben, weil wir nicht am 'guten Geschaeft' interessiert waren, weil wir uns Zeit genommen haben und jedesmal sehr lange an einem Ort geblieben sind, Monate, wenn es nötig war (das ist das Gegenteil von Rentabilitaet in diesem Beruf).
 Und ausserdem, weil wir 1959 Francois Partant begegnet sind, damals Wirtschaftsexperte, der fest an seine Mission glaubte, den armen Laendern helfen zu können, die Unterentwicklung zu ueberwinden. Er war empoert ueber die Intrigen, die faulen politischen Kompromisse, die Korruption westlicher Geschaeftsleute (Bestechungen, um internationale Wirtschaftsvertraege abzuschliessen, gibt es ja nicht erst seit heute!) und all die Luegen.
 Er empfand wie wir, dass wir alle Teil der grossen Luege waren, mit der wir den Begriff der Unterentwicklung umgeben. Unterentwicklung ist nicht das, was man uns in den Tageszeitungen vermitteln will. Und Francois Partant, der Wirtschaftstheoretiker der gesamten Reihe Im Namen des Fortschritts, hatte den Mut, aus dem System auszubrechen und zur ökonomischen Theorie zurueckzukehren. Zwei Jahre seines Lebens hat er den Filmen der Reihe Im Namen des Fortschritts gewidmet, seit zehn Jahren schreibt er wieder ausschliesslich. 
Und das wollten wir zusammen zum Ausdruck bringen: dass die Unterentwicklung kein 'natuerlicher' Zustand ist. Die Laender, die sich angeblich auf dem 'Weg der Entwicklung1 befinden, sind keineswegs Laender, die auf dem Weg zum Fortschritt zurueckgeblieben sind - und sich nun anschicken, diese Verspaetung aufzuholen -, und es handelt sich auch nicht um arme Laender. Sie sind die Opfer des Weltwirtschaftssystems, das seit Jahrhunderten von den herrschenden Nationen errichtet wurde.
 Die Unterentwicklung ist ein Prozess, der darin begruendet ist, dass die reichen Laender die wirtschaftlich schwaecheren Laender fuer ihre eigenen Beduerfnisse und Interessen nutzen. Die abhaengigen Laender arbeiten damit nicht mehr fuer ihren eigenen Profit, sondern fuer das Wachstum derer, die sie beherrschen.
 Dieser Prozess hat mit den kolonialen Eroberungen der grossen europaeischen Maechte begonnen und beschleunigt sich in dem Masse, in dem der 'Fortschritt' in die unterdrueckten Laender Einzug haelt.
 Alle Anstrengungen, die Kluft zu verringern, die mit jedem Tag zwischen dem Club der reichen Laender und den Laendern der Dritten Welt deutlicher wird, sind gescheitert. Darin sind sich alle einig.
 Es wird wohl keine Lösung geben, solange die Laender, auf deren Kosten die Reichen immer reicher werden, nicht das Entwicklungsmodell in Frage stellen koennen, das von den Industrienationen geschaffen wurde, und solange sie nicht Nein sagen zu diesem 'Fortschritt'.
 aus: Cinema 77, April 1977
 
Von Francois Partant sind folgende Buecher erschienen:
 La Guerilla economique. Edition Seuil, Paris 1976
Que la Crise s'aggrave. Edition Solin, Paris 1978
Le Pedalo Ivre. Edition Solin, Paris 1978
La Fin du Developpement. Naissance d'une Alternative? Librairie Francois Maspero, Paris 1982

Elmar Huegler


Ein Fall fuer sich - Meine Arbeit mit einem Unikat
 "Den werden Sie nicht halten koennen", prophezeite Gert von Paczensky und meinte damit einen Mann, den er mir 1974 warmherzig empfohlen hatte. Damals sah ich ihn zum ersten Mal. Was mir spontan gefiel, war seine unpraetentioese Art, seine Bescheidenheit. Inzwischen weiss ich, sein Erscheinungsbild sagt nichts ueber seine innere Entschlossenheit. Die zeigt er vor allem dann, wenn es darum geht, unsere komplexe Welt auf den Punkt zu bringen.
 "Den werden Sie nicht halten koennen". - Vielleicht galt die Prognose diesem Wesenszug, der mir in der Tat noch manches AErgernis bescheren sollte. Die Logik naemlich, dass eine auf den Punkt gebrachte Welt dem besseren Verstaendnis diene, wird nicht von jedermann bejaht. Was viele rueckhaltlos begruessen, weil es Wurzeln (und damit auch Zusammenhaenge) offenlegt, ist anderen nur noch suspekt. Die Art, das Chaos dieser Welt auf ein paar Ursachen zurueckzufuehren, brachte manchen, der sich an den Symptomen orientierte, in Wut. Die Schlagworte, die dabei fielen, schufen jene Schattenexistenz, die in den Hirnen vieler Rezensenten ein gepflegtes Obdach fand: Gordian Troeller - ein finsterer Ideologe, Marxist oder doch Kommunist, zumindest links und damit als serioeser Journalist nicht akzeptabel, ein Thesenfabrikant, ein Agitator, ein Religionsveraechter, Atheist, nein, Nihilist - kurzum, ein mieser Weltbeschmutzer, der die Ideale unserer Zeit missachtet und daher eigentlich verboten werden muesste.
 "Den werden Sie nicht halten koennen. "Gert von Paczenskys Worte waren das Praeludium zu einer Fuge, die ich bis heute hoere. Als er mir dieses prophezeite, hatte er bereits beschlossen, als Chefredakteur von Radio Bremen abzudanken. Das Thema blieb - auch wenn es nun, wie ja bei Fugen ueblich, von vielen Stimmen einzeln und nacheinander vorgetragen wurde.
 Zunaechst aber war es der Sender selbst, der mich an Troellers Zukunft zweifeln liess.
 Die personelle Konstellation, die mich 1974 vom Suedfunk Stuttgart zu Radio Bremen zog, begann sich schon fuenf Jahre spaeter aufzuloesen. Gert von Paczenskys Abgang war nur die erste Reaktion auf einen Wechsel, der alle Programmplaene zunichte machen konnte. Der Programmdirektor, Dieter Ertel, der mich gemeinsam mit Klaus Boelling (damals Intendant) zur Umsiedlung nach Bremen ueberredet hatte, ging als Fernsehspielchef zum WDR nach Koeln. Von seinem Nachfolger, Hans Werner Conrad, wusste man noch nicht, was er im Schilde fuehrte.
 Vor allem Troeller schien gefaehrdet, denn der zu dieser Zeit amtierende Intendant (Gerhard Schroeder) hatte wiederholt verlauten lassen, dass er das Engagement der Redaktion im aussenpolitischen Bereich nicht laenger unterstuetzen wolle. Nun koennte der Wechsel ihm erlauben, was Dieter Ertel (der mir freundschaftlich verbunden war) schon durch Praesenz verhindert hatte: eine Zertruemmerung meines nach vier Jahren zaghaft bluehenden Programms. Die Sorge war: der neue Programmdirektor wuerde sich dem Druck nicht widersetzen wollen und, gewissermassen als Dank fuer seine Nominierung, Gordian Troeller opfern.
 Hans Werner Conrad hatte solche Vermutungen schon bald nach seinem Amtsantritt entkraeftet. Nicht, dass er Troellers Weltsicht vorbehaltlos akzeptierte. Sie war ihm in mancher Hinsicht zu dogmatisch. Gleichwohl erkannte er die visionaere Kraft, die hinter seinen Filmen steckt. Im Grunde ging es ihm wie mir, als ich Troeller kennenlernte.
 Ich war gebannt von dem, was seine Filme an Einsichten und Wissen vermitteln konnten, obgleich mir unter filmtheoretischen Aspekten manches unueblich erschien. Schliesslich hatte ich als Filmemacher zwoelf Jahre lang an einer eigenen Theorie gefeilt und - wie ich glaubte - mich dabei mit allen Spielarten des Films vertraut gemacht.
 Die Diskussion, die ich zuvor auch schon mit Dieter Ertel fuehrte, begann daher neu aufzuleben. Die Frage war: Wie kann ein Autor (naemlich ich), dem das Wort zwar teuer, die Bildsprache dagegen unersetzlich ist, sich urploetzlich fuer eine Wirklichkeitsdarstellung engagieren, die sich doch eher als textbetont erweist?
 Ich hoere sie noch heute, dieselbe Frage, doch die Konzilianz der Fragesteller hat mit den Jahren abgenommen. Die Antwort, die ich habe, erfordert noch einmal einen Blick auf meine eigene Entwicklung.
 In der Tat, in Stuttgart hatte ich Gelegenheit, mich als Autor und Filmemacher bis an die Grenzen meines Genres heranzutasten. Als ich nach Bremen kam, hoffte ich (nun als Leiter eines Programmbereichs, der sich exklusiv dem Dokumentarfilm widmen sollte), die aus der Praxis gewonnenen Erfahrungen mit anderen Autoren so umsetzen zu koennen, dass eine neue Dokumentarfilmtheorie erkennbar wuerde. Was mich reizte, war, die Herkunft der Gattung 'Fernsehdokumentation', ihre Zugehoerigkeit zum 'Film', nicht laenger zu verleugnen, die blutleeren, didaktischen Produkte der Nachfahren von 1968 mit einer nachweisbar 'filmischen' Dokumentation zu kontrastieren.
 Dass Gordian Troeller nicht an mir selber scheiterte, lag an der Unmoeglichkeit, seine Filme den mir bekannten Mustern zuzuordnen. Sie entsprachen gleichzeitig in nichts der Utopie, die ich - nochjugendlicher Cineast - mir selbst geschaffen hatte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich, bei einem seiner ersten Stuecke, zur sinnlichen Vertiefung seiner Botschaft, die Verwendung von Musik empfahl. Gemeinsam sassen wir am Schneidetisch und vertonten seine Bilder. Vielleicht war das der Augenblick, nach dem ich endgueltig begriff, dass Qualitaet kein Vorbild braucht. Was in sich stimmt, hat jenen Grad an Unangreifbarkeit erreicht, der den Vergleich unmoeglich macht. Dass viele Fernsehmacher, in devoter Anpassung an das System, 'kompatibel' sind, ist leider wahr. Dass ihre Willigkeit die Qualitaet ihrer Produkte steigere, ist ein Geruecht. Es stammt von Fliessbandredakteuren, deren Ehrgeiz sich erschoepft in der Herstellung genormter Ware. Dies zu unterstuetzen, schien mir pervers. Hier jedenfalls war ich mit einem Autor konfrontiert, der seine eigene Form gefunden hatte. Mein Bestreben musste sein, ihm diese Form zu lassen. Dies umso mehr, als deren Wirkung ueberzeugend war.
 Laengst ist die Handschrift Troellers 'Stil' geworden, er selbst ein Unikat. Was er ist, weiss man deshalb allerdings noch lange nicht.
 Ein 'Dokumentarfilmer' (wie er sich selbst gelegentlich bezeichnet) ist er zumindest in jenem orthodoxen Sinne, den ein Teil der deutschen Dokumentaristen mit dem Begriff verbindet, nicht. Diese, puritanisch nur auf das fixiert, was die Kamera an Wirklichkeit direkt erfasst, glauben an die Objektivitaet von Filmbildern. Den Glauben hat Gordian Troeller nie gehabt. Andererseits: Er passt auch nicht in die Schablone jener, die sich der Diktatur des Sichtbaren entziehen, und, mit Bausteinen der Realitaet, diese (nach Massgabe der eigenen, sinnlichen Erfahrung) nachtraeglich gestalten. Seine Stuecke sind schon eher jenem Typus zuzuordnen, dessen erzieherischer Impetus keine Ruecksicht nimmt auf filmspezifische Gesetze. So sind die Menschen in seinen Filmen nur selten aktiv, keine Handlungstraeger. Sie sind fast immer Funktionen seiner Botschaft, Kronzeugen fuer das, was er zu sagen hat. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, sein Hang zur Aufklaerung missachte die, die aufzuklaeren er doch eigentlich mit allen Mitteln trachte. Eine Kritik, die tatsaechlich an einen Grundsatz filmischer Vermittlung ruehrt: Der Zuschauer kann sich nur identifizieren, wenn ihm sein Gegenbild den Vorgang der Entscheidung, die Freiheit seiner Wahl aktiv (das heisst handelnd) offenbart.
 So schoen kann Theorie mit Worten glaenzen, falls nicht ein Troeller an ihren Fundamenten graebt. Tatsaechlich ist es ihm gelungen, solche Regeln immer wieder zu missachten und doch von vielen akzeptiert zu werden. Ich selber habe schnell gelernt, dass fuer seine Art der 'filmischen' Vermittlung das theoretische Vokabular nicht taugt. Sein Werk verdient eine Bewertung, die sich der Konvention entzieht. Wer bei Troeller die fernseh-genuine Messlatte benutzt, hat nichts begriffen. Um ihm gerecht zu werden, muss man wertfrei sehen und sich von Vorurteilen trennen koennen. Man muss sich die Kriterien aus seinen Filmen selber holen. Was Schiller einst in einem Brief an Goethe schrieb - hier wird es zum Gebot: Wenn es kein Gesetzbuch gibt, auf das sich der Kritiker berufen kann, muss er zugleich Gesetzgeber und Richter sein.
 Zugegeben, der Satz ist nicht gemeinschaftsfaehig. Er widerspricht nicht nur der Ueberzeugungskraft, mit der das Fernsehen nach homogener Wirkung strebt. Er fordert zugleich eine Toleranz, die bei der Entwicklung dieses Mediums nie vorgesehen war. Kein Wunder, dass der Name Troeller bei vielen Fernsehbossen fuer journalistische Libertinage steht. Wer sich der institutionalisierten Norm entzieht, riskiert, dass er - markiert und abgestempelt - in einer Schublade verschwindet.
 Dieser ausserinstitutionelle Ordnungsakt legitimiert noch einmal das innerbetriebliche Prinzip (Ordnung muss sein) und haelt den Fernsehbuerokraten wach. Im Joch der immer gleichen Etikette war sein Erfindungsgeist ohnedies erlahmt. Ein Fall wie Troeller bot endlich wieder eine Chance, das rudimentaere kritische Potential zu neuen Hoehenfluegen anzustacheln.
 Was war er nur?
 Zunaechst einmal (schon schlimm genug): ein Spielverderber. Warum zum Teufel war er nicht bereit, es jenen nachzumachen, die (Kopf ueber Mikrofon und Faust, im Hintergrund Kanonendonner) ihr vordergruendiges Weltwissen als Schnellgericht servieren? Als Korrespondent koennte er (beamtet und damit auch befugt) sich Einschaetzungen leisten, die, gemessen an seinen historisch orientierten Analysen, geradezu absurd erscheinen. Sie, die 'Auslandsberichterstatter', hatten einen Stil geschaffen, der integrierbar war. Ihre inszenierten Hypothesen liessen sich verkaufen. Denn was man mit Kopf auf Bild besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.
 Dagegen Troeller. Ausser einer monochromen Stimme, die unbewegt auch anerkannte Wahrheiten zerpflueckt, war nichts von ihm bekannt. Wer eigentlich gab ihm das Recht, das Medium so radikal und subjektiv zu nutzen? Ja, haette seine Wirklichkeitsdarstellung wenigstens die Realitaetsbezogenheit einer Reportage, waere die Glaubwuerdigkeit seiner Behauptungen zumindest teilweise belegt. Er aber begnuegte sich mit losen Bildern, Szenen, Fakten, die er erst mit Worten zu allerdings bestuerzenden Aussagen verband.
 Gert von Paczensky musste Argumente dieser Art erwartet und ihre Wirkung hochgerechnet haben: "Den werden Sie nicht halten koennen."
 Dabei konnte er damals noch nicht ahnen, dass die Kritik an Troellers Filmen sich vermehrt auch mit der Form befassen wuerde. Die Frage, ob das real existierende Programm Formverletzungen verkraften koenne, erhielt aber zunehmend Gewicht. Noch bevor die Jagd nach Quoten die Artenvielfalt reduzierte, gab es bereits den Wunsch, das Programmgesicht auf Stromlinie zu buersten. Als Muster galt das herkoemmliche Feature, spaeter die aktuelle Reportage. Abweichungen wurden sorgfaeltig vermessen und nach den selbstgeschaffenen Geschmackskriterien bewertet. Mit solcher Denkarbeit produzierte das Fernsehen im Lauf der Jahre ein Troeller-Bild, das aus einem zugegeben eigenwilligen Autor einen Fernsehkiller machte. Da sich an dieser Demontage auch die amtlich eingesetzten Fernsehueberwacher (Gremienmitglieder) wolluestig beteiligten, da also ein oeffentliches Votum vorgespiegelt werden konnte, wuchs der interne Widerstand. Waere er am Ende d och nur ein Didaktiker, ein raffinierter zwar, der mit Eloquenz besticht, mit Thesen, Worten, weil er mit Bildern nicht beweisen kann, was er an Weltkenntnis besitzt? Oder ist er einfach das, was man von einem Autor dann behauptet, wenn er nicht einzuordnen ist, wenn er die Konvention, das Reglement, die Spielregeln verletzt - ein Essayist? Die Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts benutzten diesen Begriff, um damit den Fragmentcharakter ihrer Werke zu betonen. Freilich, so sehr Troellers Stil dazu verfuehrt, diese Art, einzelne Botschaften miteinander zu verketten: seine Filme sind nicht fragmentarisch. Und er, der sich Zeit seines Lebens mit aller Kraft bemueht, das Einzelne als Teil globaler Verflechtung zu uebermitteln, ist alles andere - ein Fragmentarier sicher nicht.
 Was aber ist er dann?
 Vor Jahren, als die Wellen wieder einmal hochschlugen und die Proteste auf einen Troeller-Film die Mitglieder des Fernsehausschusses von Radio Bremen in Rage brachten, erlaubte ich mir, dieses produktiv zu nutzen. Ich versuchte, aus den Aeusserungen der Sitzungsteilnehmer ein Phantombild Troellers zu entwerfen. Was dabei herauskam, war das Bild eines Dynamikers, jung, alternativ, Typus Jeans mit Lederjacke, ein Weltverbesserer der unbeugsamen Art, ein bisschen Albert Schweitzer, viel mehr jedoch Karl Marx. Dies brachte mich auf die Idee, Gordian Troeller zur naechsten Sitzung mitzunehmen. Die Reaktion, als er erschien, werde ich nie vergessen. Das also war er. Silberhaar und leicht gebeugt, Horn- statt Nickelbrille, glatt rasiert statt Rauschebart. Die Diskussion um seine Filme hatte wieder (wenn auch nur fuer kurze Zeit) die neutrale Laessigkeit eines ausschliesslich produktbezogenen Meinungsaustauschs. Die Antwort auf die Frage, wer Gordian Troeller wirklich ist, blieb freilich wieder einmal auf der Strecke.
 Er ist nicht links, er ist nicht rechts und 'alternativ' auch nur insofern, als er alles, was er sieht, zunaechst einmal in Frage stellt, um nach anderen Sichtweisen zu fahnden. Mit Albert Schweitzer verbindet ihn die "Ehrfurcht vor dem Leben", mit Karl Marx der feste Wille, Verhaeltnisse, in denen "Menschen erniedrigt und geknechtet werden", nicht zu dulden. Sein Leitsatz, dass "jedem erlaubt sein muss, er (sie) selbst zu sein", bringt ihn gleichwohl wieder auf Distanz zu allen Weltanschauungen, deren Humanitaet sich nur in aeusseren Bekenntnissen erschoepft. Er schaut hinter die Fassaden und was er da entdeckt, steht fast immer in Kontrast zur oeffentlich legitimierten Meinung. So war vorhersehbar, dass das Thema Kirche Konflikte schaffen wuerde.
 Als Troeller in einem Film ueber Indianer die Haltung von katholischen Geistlichen (Missionaren) und deren Erziehungsmethoden kritisierte, hatte er (wie ich) nicht damit gerechnet, dass das Hinterfragen von Denkweisen und Ritualen zu Protesten fuehren koennte, die dem christlichen Gebot der Duldsamkeit auf schlimme Weise widersprachen. Das Stueck beschaeftigte nicht nur die Deutsche Bischofskonferenz. Ueber die Kanzeln vieler Kirchen, ueber Streitschriften und Flugblaetter wurde ein Heer von Glaeubigen mobilisiert, von denen viele den Film gar nicht gesehen hatten. So wurde aus Gordian Troeller der personifizierte Antichrist, aus Radio Bremen eine Agentur der Hoelle.
 Es sollte allerdings noch schlimmer kommen.
 Als sich Troeller in einem Film ueber Palaestinenserkinder auch kritisch mit der israelischen Besatzungspolitik auseinandersetzte, sah Heinz Galinski, der Direktoriumsvorsitzende des Zentralrats deutscher Juden, bereits schon die "Substanz des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden" in der Bundesrepublik bedroht. Der israelische Botschafter in Bonn warf dem Autor vor, seine Kritik sei "antiisraelisch". So deckte er seine Regierung, indem er Troeller als Feind des ganzen Volkes diffamierte. Was er damit allerdings tatsaechlich wollte, wurde spaeter deutlich - bei einer persoenlichen Begegnung, zu der der Botschafter sich selbst bei Radio Bremen eingeladen hatte. Ich wurde Zeuge einer weiteren Metamorphose. Gordian Troeller, eben noch ein Katholikenhasser, wurde nun, in einer Marathonbeschimpfung, zum Judenfeind gemacht.
 Man koennte lachen, wenn so viel Unverstand nicht symptomatisch waere. Er, der Philanthrop, der rastlose Verteidiger von Toleranz und Menschenwuerde, hat genau das zu erleiden, was er so vehement bekaempft. Im Spannungsfeld verschiedener Interessen, hat er, dessen einziges Interesse, die Gerechtigkeit, unparteiisch ist, Objektivitaet nicht zu erwarten. So ist und bleibt er eben ein Anarchist. Ein Aussenseiter.
 Von dieser Tatsache war meine Arbeit mit Gordian Troeller von Anfang an gepraegt: jedoch - die Konflikte, die er mit seiner Haltung provozierte, wuchsen. Waehrend aber frueher die Kritik an seinen Filmen an Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens ruehrte, hat nun ein Widerstand begonnen, der seine Legitimation auf eher zweifelhafte Interessen stuetzt. Konkret gesagt: In einer Zeit, in der die Massenwirksamkeit das Denken der Medien beherrscht, ist eigentlich kein Platz fuer einen, der seinen Arbeitsstil auch dann verficht, wenn er das Medieninteresse sabotiert.
 Troeller und die Einschaltquote:
 Ein Thema, das bei nuechterner Betrachtung zu einer ueberraschenden Erkenntnis fuehrt. Zwar sind die Zeiten, in denen seine Filme 30% und mehr erreichten, ein fuer allemal vorbei. Der Stamm seiner Verehrer ist mittlerweile aber so gewachsen, dass ihm eine Mindestquote von 6-8% bei jeder Sendung sicher sind. Und das genuegt. Was einst darueberlag, rekrutierte sich aus Zufallssehern, die heute, angelockt von der geschoenten Welt der Kommerziellen, sich lieber in Entspannung ueben. Das ist ohne Zweifel zu bedauern. Ein Unglueck ist es gleichwohl nicht. Wirklich fatal dagegen ist, dass das Fernsehmanagement verlangt, die abtruennig gewordenen Seher um jeden Preis zurueckzuholen. Um fuer die ARD salonfaehig zu bleiben, haette Gordian Troeller daher mehr zu leisten, als er (und mit ihm ich) verkraften koennte: Ein Akt der Selbstverleugnung wird gefordert, der zwar der ARD die Quote rettet, gleichzeitig aber auch ein Fernseh-Biotop vernichtet.
 Sich dem zu widersetzen, wird immer schwerer. Dies umso mehr, als auch die Moeglichkeiten fuer eine autonome, sendereigene Programmplanung seit Jahren schwinden. Im Namen des Fortschritts, Troellers erste Reihe (Start 1974) wurde als Programmvorschlag Radio Bremens von der ARD noch widerspruchslos akzeptiert. Bei der zweiten Reihe Frauen der Welt (Start 1979), gab es bereits Probleme. Der Anspruch eines kleinen Senders auf ein mehrteiliges Konzept (eine 'Reihe') entsprach nicht mehr dem antifoederalen Geist der Zeit. Immer mehr suchte die ARD ihr Heil in einem zentral gesteuerten Programm. Die kreative Eigenleistung wurde als Senderegoismus denunziert. Dass es dennoch gelang, 1984 eine weitere Reihe durchzusetzen (Kinder der Welt) erscheint mir heute wie ein Wunder. Vielleicht war den Programmhierarchen in diesem Augenblick nicht klar, was fuer Konsequenzen ihr Grossmut haben koennte: Waehrend ich hier schreibe, dreht Troeller in Nicaragua. Es ist der sechsundzwanzigste (!) Beitrag dieser Reihe. Es werden hoffentlich noch viele folgen, denn als Autor von Einzelthemen wuerde Troeller - mit Hinweis auf die offizielle Auslandsberichterstattung und deren 'aktuelles' Reaktionsvermoegen - kaum mehr zum Zuge kommen.
 Bleibt also nur, den Freischein auszunutzen und die Kinder-Reihe ad infinitum auszudehnen. Ich kann mit dieser Loesung leben, denn in der Praxis hat sich laengst erwiesen, dass sich die Themen unserer Zeit auf diese Art besonders eindrucksvoll vermitteln lassen. Nicht nur, dass das Sujet Troellers Engagement mit Leben fuellt. Ueber Kinder transportiert, erhalten seine visionaeren Thesen und Aspekte eine apokalyptische Realitaet. Der eigentliche Grund fuer meine Haltung ist banaler: Mir ist jedes Mittel recht, um einen Autor im Programm zu halten, dessen Eigenstaendigkeit zwar Aerger macht, dessen Kunst, die herrschenden Tabus sinnfaellig zu verletzen, ich aber ueber alles schaetze. Der Frage, ob ich denn wolle, dass Troeller "auch noch mit achtzig Jahren Kinder filme" (sie wird mir nun gelegentlich gestellt), begegne ich gelassen. Einmal kann ich mir denken, dass dieser Autor, der eine Trennung zwischen Leben und Filmen nie wirklich zustande brachte, nichts dagegen haette. Zum anderen: wenn es dazu wirklich kaeme - dies waere nur ein weitere Beleg, dass sich Troeller jeder Festlegung entzieht.
 Noch einmal also: Kinder der Welt und Gordian Troeller - eine unendliche Geschichte?
 Die Vorstellung erheitert mich, denn was sie offenbart, ist paradox: Indem die ARD anderes verhindert, rechtfertigt (und verewigt) sie, was ihr an Troeller sonst missfaellt: sein Konzept, die Welt nicht aus dem Blickwinkel der Maechtigen zu sehen.
 Eine Wende, die das oeffentlich-rechtliche Interesse widerspiegelt. Das Fernsehen verzichtet auf seine kritische Autoritaet zugunsten aeusserer Programmhygiene. Wie immer das bewertet werden muesste, in diesem Fall deckt es sich mit Troellers eigenem Interesse.
 Ansonsten bringt der Trend, das Fernseh-Outfit dem Zeitgeschmack entsprechend schmuck zu halten, Troeller immer staerker in Gefahr. In der nach oben offenen Frohmut-Skala belegt er einen schlechten Platz. Analog dazu waechst die Bereitschaft, ihn als Programmschaedling zu diffamieren. Ihm, dem vielfach Preisgekroenten, muss ich nun immer oefter sagen, wie duenn der Faden ist, an dem wir beide haengen. Er quittiert meine Besorgnis mit weisem Laecheln, denn schliesslich haben wir Ziel und Thema seiner naechsten Reise laengst geplant.
 Womit die Frage, was dieser Autor wirklich ist, schlussendlich doch noch eine Antwort findet - ein wunderbar friedfertiger Mensch.
 Elmar Huegler, geb. 1933, von 1962 bis 1974 Dokumentarfilmer und Redakteur beim Sueddeutschen Rundfunk, Autor und Regisseur zahlreicher TV-Sendungen und -Reihen. Seit 1974 Leiter der Abteilung Kultur und Gesellschaft bei Radio Bremen/Fernsehen.

Dr. Joachim Paschen


Gordian Troeller in der Schule
 Massenmedien und Schule sind nicht von vornherein fuereinander geschaffen. Journalisten moegen sich nicht auf paedagogische Zwecke ausrichten. Lehrern ist eine auf den Tag beschraenkte Berichterstattung fuer den intendierten Bildungsprozess nicht ausreichend genug. Noch schlechter kann es fuer einen Journalismus aussehen, der keinen Respekt vor heiligen Kuehen kennt, dem keine sicheren Erkenntnisse abgewonnen werden koennen, der in Frage stellt und Unsicherheit verbreitet, was dem Lehrer unheimlich ist. Ganz verquer kann es ausgehen, wenn solch ein Journalismus auch noch via Fernsehen in die Schule dringt: Dann scheint das paedagogische Ideal dreifach gefaehrdet: durch Aktualitaet, Tendenz und Oberflaechlichkeit der Bilder.
 Zugegeben: Der didaktische Aufwand ist betraechtlich hoeher, wenn man in der Schule nicht vor- und aufbereitet, sondern originelle Original-Materialien verwendet. Auf die fuer den Unterricht zurechtgestutzten Schulbuecher, Textsammlungen und andere Lehrmedien kann man sich mehr oder weniger blindlings verlassen; Beispiele aus den Medien dagegen muessen zunaechst begutachtet, auf Verstehbarkeit geprueft und eventuell auf den Verstaendnishorizont der Schueler hin ueberarbeitet werden. Auch urheberrechtliche Probleme sind zu beachten, wenn man aus den allgemeinen Rundfunkprogrammen Mitschnitte im Unterricht vorfuehrt.
 Vor 20 und mehr Jahren ist als didaktische Begruendung fuer die Verwendung von Ausschnitten aus Zeitungen etc. angefuehrt worden, dass damit ein Stueck Wirklichkeit in die Schule hereingeholt und zur Auseinandersetzung mit ihr angeregt wuerde. Inzwischen dominiert beim Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen das Fernsehen die Lebenswirklichkeit, und eine Schule, die das nicht einkalkuliert, muss ins Hintertreffen geraten. Das heisst nicht, Unterricht zur Fortsetzung des Fruehstuecksfernsehens umzuwandeln; aber Schule kann medienerzieherisch wirken, indem sie sich geeigneter Medien bedient, einen 'souveraenen' Umgang mit Medien vorfuehrt und so Ansprueche an die Medien, vor allem an das Fernsehen, weckt hinsichtlich besserer Informationen ueber das Schicksal dieser Welt.
 Es ist sicher muessig, auf die schul-'ideale' Fernsehsendung zu hoffen, zu unterschiedlich sind die Interessen, Erwartungen und Bedingungen von Unterricht. Aber einige Kriterien fuer gut geeignete Sendungen, etwa fuer den Politik- Unterricht, koennen schon genannt werden: Sie sollen die Moeglichkeiten des Mediums in Bild und Wort nutzen, sollen ihre Machart und nach Moeglichkeit ihren Standort durchschaubar machen, sie sollen nicht nur informieren, sondern auch zur Auseinandersetzung mit Haltungen und Bewertungen, zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Handeln herausfordern.
 Das Fernsehen bietet nicht sehr viele solcher Beispiele, aber es gibt sie. Ein herausragendes ist das journalistische Werk GordianTroellers und seiner Partnerin Marie-Claude Deffarge. Herausragend vor allem, weil ueber Jahre hinweg in einer unverwechselbaren Handschrift das europaeische Publikum mit Problemen dieser Welt konfrontiert worden ist. Es ist fast einzigartig, dass zwei Jahrzehnte lang ein solch kritischer Journalismus einen regelmaessigen Sendeplatz im Fernsehen behaupten konnte.
 Es ist Journalismus, nicht Didaktik, was Troeller zu bieten hat. Notizen mit Kamera und Mikrofon von Orten und Menschen, die meistens nicht im Mittelpunkt des Weltinteresses stehen und sich nur im Augenblick von Katastrophen oder Staatsbesuchen in den Medien wiederfinden. Es ist aber auch ein Journalismus, der Partei nimmt fuer diese Menschen, der sein Engagement nicht in objektivistische Formeln verpackt, der vielmehr einen Standpunkt bezieht und zu erkennen gibt.
 Engagierte Reportagen, die nicht der Sensationen, sondern des Nachdenkens wegen gemacht sind, haben schon an sich einen didaktischen Reiz, weil sie eine Herausforderung zur Diskussion sind. Noch viel mehr gilt das, wenn das Publikum durch solch ein Engagement nicht ueberwaeltigt und verfuehrt, sondern zur Benutzung seines eigenen Verstandes animiert wird. "Die meisten Themen, die ich behandle", sagt Gordian Troeller, "entsprechen nicht den Vorurteilen, gegen die ich diese Filme mache."
 Fuer viele hoert jedoch der Spass auf, wenn ihre Vorurteile in Frage gestellt werden. Und so hat Troeller mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass er mit seinen Filmen aneckt. Ein bekanntes Beispiel ist die Reportage mit dem Titel Verarmungshilfe: In der kritischen Zeit der siebziger Jahre als Entlarvung der unheilvollen Folgen sogenannter Entwicklungshilfe begruesst und vom Bundesministerium fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit als Diskussionsbeitrag verbreitet, nach der 'Wende' von 1984 vom selben Ministerium aus dem Verkehr gezogen, weil das Thema nicht mehr in die Zeit passe und man sich diffamiert fuehle. Welch ein didaktisches Wunderwerk, das zu solchen Kontroversen herausfordert.
 Zwei andere Titel aus der Reihe Im Namen des Fortschritts haben eine besondere Verbreitung dadurch erfahren, dass sie vom FWU, dem Laenderinstitut fuer Unterrichtsmedienproduktion, allerdings erst einige Jahre nach ihrer Entstehung, uebernommen wurden und ueber die Bildstellen den Schulen zur Verfuegung stehen: Bitterer Zucker ueber die moderne Sklaverei auf brasilianischen Plantagen wirkt nun mit dem FWU-Titel Hunger durch Entwicklung fast noch provozierender; bei der Reportage ueber die schrecklichen Folgen der Industrialisierung der Landwirtschaft in den USA mit dem ironischen Titel Saat des Fortschritts verbirgt dagegen der sachliche FWU-Titel Agrarindustrie in den USA den kritischen Ansatz. Trotz einer leichten Kuerzung haben beide Filme nichts von ihrer Brisanz und Aktualitaet verloren.
 Eine grosse Verbreitung in den deutschen Bildstellen haben in den letzten sechs, sieben Jahren die Beitraege aus der Reihe Kinder der Welt gefunden. Das mag zunaechst mit einem Missverstaendnis zusammenhaengen: Es handle sich um Filme ueber und daher fuer Kinder, und sie seien, wenn es in der Schule um die Lebensverhaeltnisse von Kindern in fremden Kulturen geht, besonders geeignet. Mag sein, dass eine solche Idee bei der Konzeption dieser Serie mitgespielt hat und dass bei den ersten Folgen eine solche Absicht auch noch staerker hervortritt. In der Tendenz, die sich in den spaeteren Beitraegen deutlicher abzeichnet, ist dieser Sendereihe jede Kindertuemelei fremd, auch besondere Mitleidseffekte werden nicht gesucht, schon gar nicht werden die Kinder als Vehikel fuer Botschaften missbraucht. Die Kinder spielen in diesen Filmen deswegen eine herausragende Rolle, weil aus ihren gegenwaertigen Erlebnissen und Erfahrungen so viel ueber die zukuenftige Entwicklung unseres Planeten zu erfahren ist. Diese Sichtweise ist Menschen mit viel Lebenserfahrung sehr vertraut und fuer Kinder haeufig ueberhaupt nicht nachvollziehbar. Die meisten Filme dieser Reihe sind daher auch eher fuer die Sekundarstufe ll und die Erwachsenenbildung geeignet.
 Wie schon bei den anderen Reihen wird eine fast weltweite Vollstaendigkeit angestrebt: Die Kinder der Welt leben eben nicht irgendwo in der Dritten Welt, sondern in einem konkreten Land, das seine jeweils eigenen Probleme hat, die auch nicht nur etwas mit den eigenen Voraussetzungen (geographische Lage, Religion) zu tun haben, sondern haeufig genug durch oekonomische Faktoren verursacht werden. Es gehoeren dazu die Laender mit den 'klassischen' Problemen der Abhaengigkeit vom grossen Nachbarn im Norden (Bolivien, Honduras), solche mit bekannten 'Altlasten1 (Eritrea, Mosambik, Vietnam), solche, ueber die sonst praktisch nie etwas gesendet wird (Togo, Nepal, Jemen); es gibt sogar Berichte ueber die USA, wo die Nord-Sued-Probleme im eigenen Land ausgetragen werden, und ueber Japan, das man nach diesem Blick in den Schulalltag auch nicht mehr als eine Insel der Glueckseligkeit ansehen kann.
 Obwohl Kinder nicht zu denen gehoeren, die die Zustaende in ihren Laendern detailliert kommentieren, die oekonomische Abhaengigkeit mit Zahlen belegen und die Zukunftsaussichten darlegen koennen, lassen sich in ihrem Leben doch diese Dinge ablesen. Dabei zeigen sich die Kinder nicht etwa als Opfer, sondern vor allem als Akteure der Entwicklung. Es gelingt Gordian Troeller, mit Hilfe der jungen Leute Filme zu gestalten, die einen unmittelbaren Zugang verschaffen, den selbst ein manchmal in den Vordergrund draengender Kommentar nicht mehr verbauen kann.
 Es ist sofort einzusehen, dass so gestaltete 'Kinderfilme' Widerspruch erregen, da sie unsere Vorstellungen von 'Kindheit' herausfordern. Am ergiebigsten fuer die Schule sind sicher solche Filme, die auf bestimmte Erwartungen treffen, die sie nicht erfuellen koennen. Auf zwei juengere Beispiele soll kurz eingegangen werden.
 Die Nachkommen Abrahams: Die im Mai 1989 ausgestrahlte Sendung hat inzwischen bedauerlicherweise mehr deswegen Interesse auf sich gezogen, weil sie unter dem Vorwurf des Antisemitismus zur Intervention der israelischen Botschaft bei der Bundesregierung in Bonn und bei der ARD gefuehrt hat. Bei solch schwerem Geschuetz wird leicht uebersehen, dass dieser Beitrag in der ansonsten weitgehend uniformen Berichterstattung ueber den israelisch-palaestinensischen Konflikt sich einer wichtigen Methode bedient, naemlich auch einmal die andere Seite zu Wort kommen zu lassen, ohne sie gleich durch entsprechende Kommentare ins 'rechte Licht' zu ruecken. Da die Auseinandersetzungen ueber diese Sendung inzwischen abgeklungen sind, kann man sie in der Schule wieder im urspruenglichen Sinne der Aufklaerung ueber die Schwierigkeiten der massenmedialen Information nutzen: Aus der Konfrontation der Vorerfahrungen der Schueler mit den ueberraschenden Zeugnissen aus einer Welt, die trotz aller Satelliten-Verbindungen dem Fernsehkonsumenten kaum vertraut ist, kann ein wichtiger Anstoss entstehen, mehr wissen zu wollen. Aus der Erkenntnis, bislang unvollstaendig und einseitig informiert gewesen zu sein, erwaechst das Beduerfnis, den Gruenden dafuer nachzugehen, ein kritisches Verhaeltnis zu den Medien zu entwickeln und ein Gespuer dafuer zu erlangen, wo den Medien zu trauen ist.
 Gut versorgt im Mangel: Ein anstosserregender Film aus dem Jahre 1991, weil die im Vergleich zum uebrigen Iberoamerika hervorragenden Systeme der Ausbildung und der medizinischen Betreuung in Kuba im Mittelpunkt stehen, und nicht die schlechte Versorgung mit Benzin und Konsumguetern. Auch diese Reportage widerspricht den ueber die offiziellen Kanaele verbreiteten Bildern ueber diesen widerborstigen Inselstaat. Muss ein Lehrer nicht Schiffbruch erleiden, der seine Schueler mit solch ungewohntem Informationsmaterial herausfordert?
 Hier bewaehrt sich natuerlich die innere Stringenz der Filmberichte von Gordian Troeller: Kamera, Interview und Kommentar sind gewissermassen aus einer Hand; die Rolle des Augenzeugen vor Ort bleibt fuer die Zuschauer durchschaubar, da er sich immer wieder zu erkennen gibt. So entsteht der Eindruck, dass mit den Bildern und der Sprache argumentiert, nicht manipuliert wird. Diese Qualitaet der Berichterstattung muss als Ueberzeugungshilfe genutzt werden, wenn die Frage beantwortet werden soll: Wie sieht es nun tatsaechlich in Kuba (oder anderswo) aus? Die Antwort mag banal klingen, aber sie zu finden ist gerade in der Schule wichtig, wo die nachwachsenden Generationen der total verfuegbaren Fernsehwelt in der Illusion erschuettert werden koennten, dass die auf Minuten und Sekunden komprimierten Berichte uns ausreichend auf dem Laufenden halten: Wichtiger als das Gefuehl, informiert zu sein, ist die Steigerung der Wissbegierde. Und das leisten die Berichte Gordian Troellers. Sicher waere es nuetzlich, wenn es zur Erfuellung dieser Wuensche fuer Lehrer und Schueler zusaetzliche Hinweise auf Informationsmoeglichkeiten gaebe. 
Dr. Joachim Paschen, geb. 1944, mehrere Jahre paedagogischer Referent fuer politische Bildung im FWU. Seit 1987 Leiter der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg

Gert v. Paczensky


Wie Troeller zu Radio Bremen kam
 Dafuer, dass Gordian Troeller einer der bestaendigen grossen Autoren des deutschen Fernsehens werden wuerde, sprach am Anfang seiner Karriere als filmender Zeitzeuge so gut wie nichts. Gewiss - er war einer der bekanntesten Stern-Reporter gewesen, bevor er umsattelte. Aber der NDR (logischer Abnehmer, da Gordian in Hamburg wohnte) konnte sich nicht entschliessen, ihn mit mehr zu beauftragen als mit gelegentlichen - seltenen - Sendungen im Dritten Programm.
 Als ich Chefredakteur von Radio Bremen wurde, stand fuer mich laengst fest, dass Troeller im Fernsehen einen besseren Platz haben muesse. Noch bevor ich meinen Schreibtisch in Bremen-Osterholz bezog - ich amtierte zunaechst im Hoerfunk -ueberzeugte ich ihn, dass er beim kleinsten ARD-Sender besser aufgehoben sein wuerde als beim zweitgroessten. Mein Trumpf war, ihm von vornherein einen regelmaessigen Sendeplatz im ersten Programm anbieten zu koennen. Ich sicherte ihm drei 'Feature'-Termine pro Jahr zu, und das unbefristet.
 Das war zu Beginn der kurzen Aera Boelling - Ertel - Paczensky beim Bremer Sender. Ertels Vorgaenger als Fernsehdirektor protestierte gegen eine solch weitreichende Festlegung, war ja aber auch auf dem Weg in die Pensionierung und resignierte notgedrungen; ich hatte natuerlich im Einvernehmen mit dem Intendanten und dem neuen Programmdirektor gehandelt. Andere 'alte Bremer' beklagten, dass sie nicht gefragt worden seien, und dass ein ihnen Unbekannter, denn ihr Interesse hatte bis dahin kaum der Dritten Welt gegolten, so mir nichts dir nichts einen wesentlichen Anteil an der Radio-Bremen-Praesenz im Hauptabendprogramm bestreiten wuerde. Radio Bremen war ja im Hauptabendprogramm mit kaum mehr als einem Dutzend Sendungen vertreten.
 Als dann die Themen der drei ersten Sendungen feststanden, musste ich sie natuerlich erst von der ARD-Programmkonferenz billigen lassen; die Konferenz der Chefredakteure bereitete das Programm, dem Schema entsprechend, unter Vorsitz des Koordinators fuer die Konferenz der Programmdirektoren vor. Just in diesem Jahr, als Troellers Serie Im Namen des Fortschritts begann, liessen auch der SWF und der WDR eine gemeinsame entwicklungspolitische Serie anlaufen, ebenfalls mit drei Sendungen. Als ich mit der Troeller-Anmeldung ankam, sagte der Koordinator eher abwehrend. "Aber Dritte-Welt-Sendungen haben wir nun schon drei..." Fuer ein Jahr, wohlgemerkt. Stossrichtung, Gruendlichkeit, Informationsgehalt und Engagement der Troeller-Beitraege liessen alles andere, was zu dieser Thematik gesendet wurde, sofort weit hinter sich, weckte aber auch umgehend Kritik und Proteste der Kolonialismuslobby. Diese konnte sich stets, offenbar muehelos, Bremer und anderer Rundfunkraete bedienen, um gegen Troeller Stimmung zu machen. Die ARD-Fernsehhierarchie war nicht immer ein guter Schutz gegen solche Stimmungsmache, meist wegen fehlender Sachkenntnis und haeufig auch aus Abneigung dagegen, westliche Entwicklungsmodelle und Vorstellungen kritisch durchleuchten zu lassen. Aber Radio Bremen blieb wenigstens fest.
 Einer der ersten Volltreffer der Serie Im Namen des Fortschritts war eine Reportage ueber Gabun (Verarmungshilfe), dessen Diktator im Bund mit westlichen Kapitalisten das Land ruinierte. Auch im Bremer Fernsehausschuss fanden sich zeternde Stimmen, da sei Troeller zu weit gegangen. Als Jahre spaeter alle Welt erkannt hatte (zu haben glaubte), wie korrupt das dortige Regime war, wollte sich wohl kein Bremer Rundfunkrat an seine damalige obrigkeitsfromme Haltung erinnern.
 Im Grunde waren alle Beitraege der Serie Volltreffer.
 Gordian Troellers Aufstieg zum fuehrenden Dokumentaristen dessen, was Im Namen des Fortschritts in der Dritten Welt angerichtet wurde, ist nicht zu trennen von Marie-Claude Deffarge. Sie war seine langjaehrige Lebensgefaehrtin, zusammen mit ihr hatte er seine ersten Erfahrungen in diesen Laendern gesammelt (Auftakt: Persien). Sie war eine der faehigsten franzoesischen Spezialistinnen fuer Fragen der sogenannten 'Entwicklungslaender'. Ihre Kenntnisse, ihre Dokumentationsarbeit verschafften dem Paar einen Vorsprung an Einsicht und Kenntnis, den niemand aufholen konnte. Marie-Claude Deffarge sorgte dafuer, dass das, was Gordian Troeller in seinen Filmreportagen aussagte, stets belegbar war. Das hatte das Paar schon zu einem idealen Reportergespann fuer den Stern gemacht, fuer den es um die Welt gereist war, bis das Blatt sein Interesse an dieser Thematik verlor. Und das machte dann, als die beiden fuer das Fernsehen arbeiteten, die von wenig Sachkunde getruebten Proteste so mancher Rundfunkraete noch laecherlicher.
 Marie-Claude Deffarge konnte schliesslich wegen schlechter Gesundheit nicht mehr reisen. Sie starb 1984, waehrend Troeller gerade in Afrika filmte.
 Auf Im Namen des Fortschritts folgten andere Troeller-Reihen - was die Staerke der ersten Serie ausgemacht hat, praegte auch sie und kennzeichnet auch jetzt seine Arbeit.
 Wir muessen hoffen, dass die ARD im Gerangel um Einschaltquoten Troeller nicht nur nach diesen misst - seine Beitraege sind ohnehin schon von 45 auf 30 Minuten gekuerzt worden. Er ist ein Markenzeichen der ARD.

Rupert Neudeck


Kleine Hommage an Gordian Troeller
 Gordian Troeller unterrichtet uns, ohne uns zu belehren. Er unterrichtet und informiert uns auch darueber, wie wir miteinander leben: schlecht naemlich leben wir miteinander. Wir haben das Feld des Miteinanderlebens den Politik-Profis ueberlassen. Die Kollegen Journalisten (zumal des Radios und des Fernsehens) zweifeln nicht einmal mehr daran, dass das Zusammenleben von der Politik konstituiert und monopolisiert wird. Deshalb brauen sie jeden Abend in ihren Menues - genannt Tagesschau, heute, RTL aktuell, heute-journal - etwas zusammen, dem jedermann/jedefrau durch langes Kauen nur noch den Geschmack abgewinnen soll: die jeweils Regierenden verfuegen ueber unseren Alltag. Die Kollegen Mundwerksburschen vergeuden tagtaeglich wertvolle Sendeminuten damit, einem Oskar Lafontaine immer wieder zuzuhoeren, wie er dem Volk der Habenichtse erklaert, dass er nach Pruefung seiner Bezuege, fuer die er mehrere staatliche Behoerden eingeschaltet hat, zu der Ueberzeugung gekommen sei, er verdiene eigentlich zu wenig - zumindest sei sein Einkommen gerechtfertigt... "Also", sagt derjenige, den wir allzulange nicht abgewaehlt haben, "ich mag das Wort 'Krise' nicht". (Mit diesem wunderbaren Satz beginnt der Deutschlandfunk stolz sein Interview der Woche mit Helmut Kohl am Sonntag, den 7. Juni 1992).
 Zu reden ist hier von einem Gordian Troeller, der mit unseren wirklichen Krisen zu tun hat, der aber dennoch nicht zu einem intellektuellen Krisen-Schwaetzer geworden ist. Und da ich mit ihm ueber diese meine (An-)Sicht seiner Person nie gesprochen habe, will ich es mit diesen duerftigen Zeilen eines Vorworts tun: als kleine Hommage, als kleine Lobpreisung.
 Ich habe im Lauf meines Berufslebens die akademische Ausbildung ein bisschen fuerchten und hassen gelernt. Als kluger Gebildeter - so ist mir klar geworden - hat man immer so verteufelt viele, gute, triftige Gruende, etwas nicht zu tun.
 In den Tagen, da ich dies hier schreibe, liegen wir (von der Cap Anamur) in Sued-Angola fest mit einem riesigen Tross von Ex-Tanks mit Minenraeumequipment, mit wuest-grossen russischen LKWs der Marken Tatra, Krass, Ural, mit Tankwagen, Brueckenlege-Panzern und so weiter. Wir kommen da kaum voran. Ich kann nur auf den Geist von Menschen wie Troeller und all denen setzen, die nicht deshalb aufgeben, weil es zu viele Widerstaende gibt, zu viele unkonventionelle Wege beschritten werden muessen.
 Nein, das erhoeht in uns (darf ich das dem ein wenig aelteren Kollegen so kumpanenhaft zurufen?) den Widerborstigkeitsgeist: Nun erst recht!
 Juengst traf ich einen jungen Kollegen, der mir die ganze Hoffnung auf meinen mir manchmal verleideten Beruf zurueckgegeben hat, der mir auf meine wirklich verbloedete Frage, was er denn studiert habe, antwortete: "Gar nichts, ich bin einfach in den Journalismus hineingerutscht." Und ich dachte mir dabei: Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Andreas Cichowicz in Suedafrika und im suedlichen Afrika so gute Reportagen und Filme macht, dass er eben nicht so ein Neunmal-Kluger geworden ist...
 Ich will ein Beispiel herausgreifen (eines von ueber 70 Beispielen, die alle zu erzaehlen waeren, wenn es so etwas gaebe wie eine Programmgeschichte des Fernsehens - aber es gibt die Moeglichkeit einer solchen TV-Historiographie immer weniger, seit es den Walter Jens alias Momos nicht mehr gibt, die Mainzer Tage der TV-Kritik zu einem Verkaufsgespraech entartet sind, der Chef dieser Journalistentage nichts anderes zu tun hatte, als seinen ZDF-Untergebenen per Dienstanweisung schriftlich zu geben, sie haetten ihn jetzt mit Professor, irgendwann auch mit Doktor anzureden; seit jener Clemens Muenster an der Aufgabe gescheitert ist, eine Fernsehprogramm-Geschichte zu schreiben; seit Egon Netenjakob das wohl auch aufgegeben hat und sich den Monographien hingibt: Wildenhahn, Monk, Fechner) - ich nehme das mir liebste Beispiel:
 Eritrea. Ein Land, von dem wir - Gordian Troeller und einige wenige - wussten, dass es einmal ein richtiges Land werden wuerde. Zu Gegnern unserer Prognose - Troeller drehte dreimal, sich der Gefahr aussetzend, am Boden und aus der Luft attackiert zu werden, im Buergerkriegs-Eritrea - hatten wir das Auswaertige Amt und die Auslandskorrespondenten in Nairobi. Die Vertreter der geballten deutschen Medienmacht verweigerten Eritrea die Anerkennung wie das Auswaertige Amt. Mit einem uebrigens berueckenden journalistischen Argument: Sie wuerden aus Addis nicht mehr die Einreisegenehmigung von Gnaden des Haile Mariam Mengistu erhalten, wenn sie den Sprung nach Eritrea wagten. Die deutschen Zuschauer, Leser, Hoerer leiden noch immer darunter - ohne es zu wissen: Sie sind Opfer des schlechten Gewissens dieser Reporter. Die moechten nicht zugeben, dass sie sich doppelt geirrt haben: Einmal haben sie die Version von Addis uebernommen, dass es ein eritreisches Volk gar nicht gebe; und sie haben die Version uebernommen, dass Eritrea nicht unabhaengig werden duerfe, weil dann Aethiopien nicht mehr lebensfaehig sei. Beide Standpunktprothesen haben sich als das herausgestellt, was sie sind: fauler Politikzauber. Eritrea wird das einzige Land sein in diesen lausigen Jahren, das Erfolg hat, einen wirklich autarken Enthusiasmus, der nicht auf uns verfluchte Europaeer wartet, um zurechtgerueckt zu werden. Ich freue mich nach Troellers letztem Film schon auf meinen naechsten Besuch in Asmara.
 Ich traeume von Troellers fuenftem Film in Eritrea. Nach dem verschwenderischen 'Zirkus' in Rio de Janeiro, den so viele Umwelt- und Alternativgruppen so verraeterisch mitgemacht haben, koennte ein einziger Film aus Asmara und Massawa, aus Kerem und Nacfa, aus Tessenie und Gindha uns zeigen, wie eine fleissige und sparsame, haushaelterisch und pfleglich mit ihren Instrumenten und Gefaehrten, ihren Investitionen und ihren Gebaeuden umgehende Gesellschaft es schafft, dass selbst Gueter unserer Industriewelt bewahrt werden: durch Wartung.
 Kein Land der Welt laesst auf seinen wenigen Strassen so viele VW-Kaefer fahren wie Eritrea. Ich habe in meiner ungeschuetzten Begeisterung geglaubt, das dem VW-Werk in Wolfsburg mitteilen zu sollen. Zumal es ein grosses VW-Kaefer-Ereignis in Zusammenhang mit der Befreiung gab: Der Leiter der EPLF-Gesundheitsabteilung, Dr. Nerayo, der vor 14 Jahren fliehen musste, hatte seinen kleinen Kaefer in Asmara gelassen. Ein Freund hatte ihm den Wagen eingemauert. Gefaehrlich, denn Hab und Gut eines Republikfluechtlings gehoerte dem raeuberischen Staat. Nach 14 Jahren und dem Sieg der EPLF, der Eritrean People's Liberation Front, kam er am 24. Mai 1991 nach Asmara. Die Mauer wurde gesprengt, der Wagen war da und brauchte nur eine neue Batterie. Dr. Nerayo faehrt bis heute mit diesem Wagen. Ein Film-Thema?
 Ich habe mich ueber Gordian Troeller auch einige Male geaergert. So, wenn er Kritisches unter den Tisch fallen laesst, einen stromlinienfoermigen Film macht wie den ueber die Menschen im Suedsudan, der alles Bedenkliche und Fatale an dem unorganisierten und brutalen Kampf der SPLA, der Sudanese People's Liberation Front, unter den Tisch fallen laesst. Die Schwarzafrikaner im Suedsudan, denen Gordian Troeller genauso verbunden ist wie ich selbst, werden durch diese allzu militaerische, auf den Waffenkampf fixierte "Bewegung" brutalisiert und maltraetiert. Die Bewegung des Dr. John Garang, Oberst, verdient den Ehrentitel Liberation Movement, "Befreiungsbewegung", nicht. Den muss man sich verdienen, indem man schon waehrend des militaerischen Kampfes gegen die uebermaechtigen Eroberer, Sklavenhalter und Okkupanten aus Khartoum die Strukturen des neuen Sudan etabliert. Indem man eine zivile Verwaltung schafft, die fuer das Volk sorgt, der Nahrungsvorsorge und der medizinischen Versorgung, dem gesellschaftlichen Leben wie der Betreuung der Tuberkuloesen und Lepra-Kranken eine ganz grosse Prioritaet einraeumt. All das gab es nicht zum Zeitpunkt des Suedsudan-Films von Gordian Troeller. Sein Film war gut gemeint. Ich erwaehne das aber, weil wir alle in Gefahr sind, wegen einer Tendenz, die wir zu Recht unterstuetzen, alle begleitenden kritischen Aspekte auszublenden.
 Den heftigsten und langwierigsten Streit gab es ueber Troellers Film Die Nachkommen Abrahams (1989). Den Redakteur der Sendereihe, Elmar Huegler, der sonst seinen breiten Ruecken gern zur Verfuegung stellt, um Gordian Troeller zu decken, hat diese Auseinandersetzung fast zur Verzweiflung getrieben. Die Reaktionen auf diesen Film ueber palaestinensische Kinder waren der typische Reflex unserer philosemitischen Verkrampfung. In solchen Situationen reagieren Intendanten und Rundfunkraete wie das Kaninchen auf die beruehmte Schlange: Sie deklarieren solch einen Film sofort (und fast unbesehen) zu einem Werk "mit eindeutiger antisemitischer Tendenz" (so der Fernsehausschuss des Bayerischen Rundfunks im November 1989), "mit nicht zu uebersehender anti-juedischer Tendenz" (NDR-Rundfunkrat), nur weil sich die offiziellen und offizioesen Vertreter Israels in Deutschland heftig ablehnend, auch oeffentlich-fordernd, zu diesem Film geaeussert hatten. In solchen Faellen proben ARD und ZDF nicht etwa die gebotene Gelassenheit, sondern uebernehmen vollstaendig die Argumente der einen Seite.
 So etwas fuehrt zu absurden, nie berichteten Folgen. Als der Reporter des BR, Hans Lechleitner, im Jahre 1987 im Deutschen Fernsehen die von Israel inszenierte "Operation Moses" sachgerecht kommentierte und sich unterstand, die israelische Regierungsmeinung zur Herausfuehrung der aethiopischen schwarzen Juden, genannt Falachas, aus dem hungerbedrohten Aethiopien nicht zu teilen, erhob sich heftiger Widerstand. Der Kommentator wurde von seinem Intendanten Reinhold Voeth blind aufgefordert, sich einem deutsch-juedischen Gremium in Bonn zu stellen (also etwas voellig Illegitimes, ein Nicht-Gremium darf den TV-Kommentator zitieren - ein Gremium, in dem Annemarie Renger und Erik Blumenfeld sassen). Das einzige Vergehen, dessen sich Lechleitner schuldig gemacht hatte, war, dass er nicht die Meinung Israels paraphrasierend wiedergegeben hatte. Ich kann mich an diesen Vorgang deshalb noch so genau erinnern, weil ich ein wenig Mit-Taeter war: In einer Situation, in der es in Tigray und Gonder allen Bewohnern Aethiopiens bis zum Verroecheln schlecht ging (es war mitten in der Hungerkrise, in der wir heftig halfen, den Aethiopiern durch Nahrungund Medizin das Ueberleben zu sichern), machte Israel sich daran, exklusiv nur seinen mit-juedischen Schaefchen auf sehr teure Weise die Ausreise zu ermoeglichen. Ich fand das abgeschmackt, wie ich es auch schlimm finde, dass wir uns manchmal so exklusiv um unsere Aussiedler kuemmern - oder jetzt in Angola um Entschaedigungsansprueche fuer die Angola-Deutschen.
 So geschah es auch Gordian Troeller. Bis in die Sueddeutsche Zeitung reichte die Kampagne. Die geschaetzte Medienseite der SZ brachte einen langen Beitrag von Ellen Hofmann mit dem schoenen Titel: "Wahrheitssuche in vermintem Gelaende". Der Beitrag kritisierte nicht etwa die Unerlaubtheit der Eingriffe des Zentralrats der Juden und der Israelischen Botschaft in Bonn, der juedischen Gemeinde in Bremen und anderswo, sondern bemaengelte, dass der Autor dieser Seite nicht staerker Gehoer verschafft hatte. "Die Problematik von Troellers Beitrag zum Nahostkonflikt besteht nicht darin, dass er Kritik an der Politik des Staates Israel uebt. Troellers Selbstverstaendnis aber ist es, dass 'ich konsequent in allen Laendern gegen Menschenrechtsverletzungen jeder Art zu Felde ziehe'. Von seiner Wut gegen Menschenrechtsverletzungen hat er sich auch diesmal hinreissen lassen, als er von Palaestinensern und Juden berichtete. Aber da der Antisemitismus eine uralte Leidenschaft ist, darf man sich eben nicht hinreissen lassen ..." (SZ vom 14.11.1989). Als ob seine Aussagen irgendetwas enthielten, das man dem Autor als Fehler nachweisen koennte. Dass er die Politik der dauernden Schul- und Universitaetsschliessungen kommentiert, wie wir alle es tun: natuerlich muessen die Palaestinenser so besorgt um ihre Kinder sein, wie wir es sind, wenn in Nordrhein-Westfalen zu viele Schulstunden ausfallen. Wir halten das fuer eine Politik, die leichtfertig die junge Generation verbloeden laesst. Dass es in Israel eine de-facto-, oft auch eine eindeutige de-jure-Apartheid gegenueber Arabern und Palaestinensern gibt, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Aber schlimm ist das fuer alle Freunde Israels, die ihr Israel nicht gern so schaebig, so rassistisch, so ungerecht sehen moechten - und diese verschaemte Liebe zu Israel fuehrt zu der ungeschmaelerten Heftigkeit, mit der Israel an den Massstaeben gemessen wird, die es sich selbst gibt.
 Der Skandal ist, dass man es dem Zentralrat der Juden und seinem Vorsitzenden ueberlaesst, ueber solche Sendungen ein Urteil zu sprechen, das mehr ist als irgendeine Meinungsaeusserung. Dass es zu einer Debatte darueber kommen kann, ob Gordian Troeller ein Antisemit sei. Dass es einen Beschluss des Fernsehausschusses von Radio Bremen geben muss, in dem konstatiert wird, "Troellers Beitrag kann nicht als antisemitisch eingestuft werden". Waere ich an der Stelle des Kollegen Troeller, wuerde ich mich fuer einen so unverschaemten Persilschein bedanken: "Nach sechsstuendiger Debatte stimmten diesem Urteil alle Rundfunkraete im Anschluss zu, auch der Vertreter der juedischen Gemeinde, Ernst Stoppelmann" (SZ vom 14.11.1989).
 Ich beneide ihn. Wenn ich nicht das machen wuerde, was ich gern mache (Cap Anamur und Journalismus), wuerde ich auch gern so einen guten kleinen Sender im Ruecken und das Abonnement auf drei Filme sicher haben. Einen Sender, der - nehmt nur alles in allem - so heimelig und solidarisch seinen eigenen Journalisten treu bleibt - und nicht wie das ZDF einen so guten, querkoepfigen Journalisten wie Wolfgang Herles von seinem Stuhl als Bonner ZDF-Studio-Leiter einfach vertreibt, weil der Helmut Kohl das so will... Ich wuerde auch gern eine solche Kolumne haben, das sichere Anrecht auf drei Sendungen pro Jahr oder jeden Monat auf einen Artikel in einer deutschen Wochenzeitung. Aber jetzt traeume ich.
 Gordian Troeller ragt wie Urgestein, wie vergessenes Inventar einer alten Idee von Fernsehen als kritischer Instanz mit der "oeffentlich-rechtlichen Seele" (Cornelia Bolesch), als Gemeineigentum der Buerger in diese Zeit der Neunziger, in der dieses Medium enteignet, den Buergern so raffiniert weggenommen wurde, dass sie selbst es kaum wahrgenommen haben.
 Es braucht in dieser Gesellschaft und in diesem Fernsehen Menschen wie Gordian Troeller, die sich ueberfordern, wo ueberall die Mehrheit sich nur noch unterfordert. Es braucht Filmemacher wie diesen Gordian Troeller, die oft uebertreiben, weil so viele andere ausgewogen und behutsam nur noch tiefstapeln und untertreiben.
 Ich las in der Sueddeutschen Zeitung (21.8.1992) einen Satz von Gordian Troeller: "Keinem Land der Welt laesst man die Chance, sich auf seine Weise zu entwickeln." Doch, lieber Gordian, die Eritreer fragen erst gar nicht, sie nehmen sich diese Chance. Ich denke auch an die Kurden - an die Kurden in Suedkurdistan, nicht an die in der Tuerkei, die haben noch einen langen Weg vor sich. Bei den Kurden habe ich Hoffnung "wider alle Hoffnung". Alles Gute, Gordian Troeller, wir brauchen noch viele Filme, solange es die ARD noch gibt. In der Sprache unseres Nachbarvolkes, das mir von Herkunft her so viel bedeutet, und dessen Sprache ich etwas radebreche, sage ich: "sto filmow"; hundert Filme sollten es doch mindestens werden !

Peter Zimmermann




Denn sie wissen, was sie tun
Zur Dekonstruktion eurozentrischer TV-Stereotypen ueber die »Dritte Welt«




Kinder als Schuhputzer und Parkwaechter, als Arbeiter in Ziegeleien und auf Zuckerrohrplantagen - die Bilder, mit denen Gordian Troellers Reportage Denn sie wissen, was sie tun (1985) ueber Kinderarbeit in Bolivien beginnt, spekulieren auf das Mitleid der westlichen Zuschauer. Da sieht man es wieder: Kinderarbeit, das ist Ausbeutung und Fronarbeit, ein Produkt der Verarmung und Verwahrlosung der Menschen im taeglichen Ueberlebenskampf im Dschungel aus Slums, Dreck, Armut und Kriminalitaet.
 Doch die vermeintliche Botschaft der Bilder truegt. Sie provozieren unsere gaengigen Fernseh-Gewohnheiten und Bildassoziationen nur, um sie zu dekonstruieren und uns auf unsere eigenen Klischees auflaufen zu lassen. Denn die Kinder erscheinen im weiteren Verlauf der Reportage nicht als Opfer der Gesellschaft, sondern als weitaus selbstaendiger, lebenstuechtiger und sozialer, als unser Ideal einer gleichermaßen behueteten wie disziplinierten Kindheit es sich vorzustellen vermag. Ihre Lage wird nicht beschoenigt, sie werden aber auch nicht vorschnell bemitleidet. Desavouiert wird die Ignoranz und heimliche Arroganz eines Mitleids-Blicks, der alles bedauert, was von den eigenen Standards und Normen abweicht und die Lebensgewohnheiten aermerer Voelker nur im Rahmen einer Verelendungstheorie zu begreifen vermag.
 Damit wird die filmische Strategie deutlich, der Troeller sein Renommee zum guten Teil verdankt: In seinen besten Filmen unterlaeuft er die von Film und Fernsehen eingeschliffenen euro- und ethnozentrischen Seh- und Denkgewohnheiten und konterkariert die fast schon zu Symbolen geronnene Ikonographie der Fernsehbilder und die damit gekoppelten Konnotationsketten durch eine Betrachtungsweise, die dem Selbstverstaendnis fremder Voelker Ausdruck zu verleihen und gerecht zu werden versucht. Es ist eine Verfahrensweise, die zum mainstream der Fernsehberichterstattung nahezu programmatisch quer liegt und deren Funktion und Bedeutung erst in diesem (Programm-)Kontext angemessen beurteilt werden kann.
 In den sechziger Jahren gehoerte er zu den ersten Reportern, die mit Verstaendnis und Sympathie ueber die Aktionen und Ziele revolutionaerer Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt berichteten. Dies in einer Zeit, in der die Mehrzahl der Auslandskorrespondenten des Deutschen Fernsehens - allen voran Peter Scholl-Latour - die 'in die Unabhaengigkeit entlassenen' ehemaligen Kolonien noch vornehmlich unter dem Gesichtspunkt durchcheckten, ob deren Regierungen eher dem Westen oder dem Ostblock zuneigten. Revolutionaere Bestrebungen wurden dabei tendenziell dem feindlichen Lager zugeschlagen. Troeller hingegen zeigte sich eher an jenen interessiert, die keinem der beiden Lager zuneigten und nach einem eigenen Weg der gesellschaftlichen Umgestaltung der nachkolonialen Gesellschaft suchten.
 Die Reihe Im Namen des Fortschritts (1974-1984) attackierte den Export westlicher Entwicklungsmodelle in die Laender der Dritten Welt bereits in jenen Jahren, in denen das Gros der Journalisten bis hin zu exzellenten Dokumentaristen wie Ralph Giordano (Hunger u.a.) die Loesung der wirtschaftlichen Probleme der sogenannten Entwicklungslaender noch in deren rascher Technisierung und Industrialisierung sah, die durch eine entsprechende Entwicklungshilfe der Industrienationen gewaehrleistet werden sollte. Aus dem Rahmen westdeutscher Fernsehberichterstattung fiel diese gemeinsam mit Marie-Claude Deffarge gedrehte Reihe nicht zuletzt auch deshalb, weil sie die damals gelaeufigen entwicklungspolitischen Rezepturen durch strukturanalytische Reportagen konterte, die gerade in einer solchen Entwicklungspolitik die Fortsetzung neokolonialer Abhaengigkeitsverhaeltnisse sah. Von konservativer Seite handelten sich die Autoren den Vorwurf ein, sie verbreiteten mit ihrer These von der Entwicklungshilfe als 'Verarmungshilfe' Zerrbilder der entwicklungspolitischen Problematik und »ritten immer wieder auf ihrem Lieblingsthema herum: der fortbestehenden Ausbeutung der ehemaligen Kolonien durch die ehemaligen Kolonialmaechte und Industrienationen«. (1)
 Doch auch wohlwollende Kritiker bemerkten bald, daß die unverwechselbare 'Handschrift', die die Qualitaet dieser Reportagen ausmachte, auch zum Handicap werden konnte: zu einer Art Schnittmuster naemlich, das die Vielfalt der Entwicklungen auch wieder nach Maßgabe der eigenen weltanschaulichen Vorstellungen verarbeitet, nur daß diese nicht rechts-, sondern linksgerichtet waren. Ein Beispiel mag die besondere Machart und die Problematik dieses Reportagestils veranschaulichen.
 Abschied vom Lachen (1981) ist eine, wie ich finde, besonders gelungene und eindrucksvolle Reportage aus der Reihe Frauen der Welt. Mit dieser Reihe setzten Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge ihre Berichte aus der Dritten Welt fort und wandten sich mit der Thematisierung der Lage der Frauen dem 'doppelt kolonisierten' Geschlecht zu: von den ehemaligen Kolonialmaechten und der auch und besonders in den Laendern der Dritten Welt wirksamen Herrschaft des Patriarchats.
 Auch die Reportage Abschied vom Lachen beginnt mit einer dialektischen Volte, die den Zuschauer dadurch hellhoerig macht, daß sie seine Erwartungen duepiert: Bilder schwer arbeitender Indianerinnen vom Stamm der Campas tief in den Regenwaeldern des Amazonasbeckens scheinen die These von der doppelten Unterdrueckung der Frauen zu beweisen. Doch der Off-Kommentar, der den Bildern unterlegt ist, belehrt die Zuschauer eines besseren. Die Feldarbeit der Frauen ist die Grundlage der Subsistenzwirtschaft dieses Stammes und Garantie ihrer Gleichstellung mit den Maennern. Und wie in ihrer ersten Reportage ueber die Minangkabau in Sumatra (Maennerherrschaft unbekannt 1979) entdecken Troeller und Deffarge auch hier Reste einer matriarchalisch gepraegten Gemeinschaftskultur, die sich noch nicht in »Besitzende und Besitzlose, in Herrscher und Beherrschte« gespalten hat und kein Profitdenken kennt: »Ein solches Anti-Wirtschafts-System paßt weder Kapitalisten noch Marxisten ins Konzept. (...) Und dort, wo es keine Wirtschaft gibt, keine Obrigkeit und keine Hierarchie, da ist auch die Frau nicht dem Manne Untertan, auch wenn es fuer uns so aussehen mag.« So das Fazit des Kommentators, waehrend aus dem Munde der Indianer vor allem das helle und girrende Lachen der Frauen zu hoeren ist.
 Ob diese Interpretation stimmt, koennen die Zuschauer nicht ueberpruefen. Man mag ihr glauben oder nicht. Mißtrauisch macht allerdings das Ungleichgewicht von Bild und Text. So eindrucksvoll die Bildsequenzen sind: Sie dienen in diesem Fall vor allem als Illustration fuer denaufklaererisch-didaktischen Off-Kommentar. Der vermittelt eine fast lehrbuchhafte Version vom Ursprung der Menschheit, die an die edlen Wilden des Rousseauismus ebenso erinnert wie an Marxens klassenlose Urgemeinschaft und die Mythen eines urspruenglichen Matriarchats. Die Skepsis wird durch ein Gestaltungselement verstaerkt, das dazu dient, sie auszuraeumen: Durch den betont sachlichen und durch politologische Termini untermauerten Tonfall, der die eigene Interpretation als Faktum behauptet. Der Zuschauer spuert: Im Gestus journalistisch und wissenschaftlich fundierter Sachlichkeit verkuenden die Autoren eine Botschaft, die im weiteren Verlauf der Reportage klare Konturen gewinnt.
 Der Film ist durch eine Bootsfahrt der Reporter flußabwaerts in vier Stationen geteilt. Es sind die Stationen des Zerfalls und der Zerstoerung der urspruenglichen indianischen Kultur: Auf der naechstgelegenen Missionsstation werden die Campas zu Christen, Arbeitern und 'zivilisierten' Menschen erzogen: »Alles ist darauf angelegt, die traditionelle Gruppensolidaritaet zu zerstoeren. 'Jeder hat nur ein Recht auf das, was er sich im Schweiße seines Angesichts selbst verdient hat.' Ein Satz wie dieser leitet hier das ein, was wir den gesellschaftlichen Suendenfall nannten. Er spaltet die Gruppe in Tuechtige und Versager, in Reiche und Arme. Ungleichheit und Geschichte haben begonnen - der Kampf ums Dasein geht los. Unter dem Motto: du bist, was du hast. (...) Die Zivilisation hat gesiegt. (...) Die Kleinfamilie ist zum Kern der Gesellschaft geworden unter patriarchalischer Ordnung, wie Staat und Kirche es verlangen.«
Zwei weitere Stationen belegen diesen unaufhaltsamen Verfallsprozeß. In einem Dorf weiter flußabwaerts leben die von Großgrundbesitzern und Spekulanten aus ihren Jagdgebieten vertriebenen Indianer vom Tourismus, der die Reste ihrer Kultur zur exotischen Ware macht. In der Hafenstadt schließlich fuehren die Reporter Gespraeche mit Campa-Frauen, die sich als Arbeiterinnen, Putzfrauen und Prostituierte durchschlagen. »Der Weg aus dem Urwald in die Zivilisation endet fuer viele im Bordell oder auf der Straße. Sie haben endgueltig Abschied genommen vom Lachen.«
So minutioes der Zerfallsprozeß gefilmt, beschrieben und durch eine Reihe von Interviews und Gespraechen belegt ist - es ist eine Thesen-Reportage großen Stils, die, orientiert an strukturanalytischen Kategorien, den Prozeß der Zivilisation als Deformationsprozeß beschreibt. Eine imperialismuskritische Parabel auf den verheerenden Siegeszug von christlicher Mission, Handel, Industrie, westlichen Werten und Verhaltensnormen in der Dritten Welt.
 Das mag in vielen Zuegen richtig sein, wirft aber einen Einwand auf, der in der Sueddeutschen Zeitung auch schon gegenueber den ersten Reportagen der Reihe Im Namen des Fortschritts erhoben worden ist: »Fuer eine Dokumentation, die marxistische Maßstaebe nicht verleugnet, sollte es sich verbieten, die Loesung des Problems in der Rueckbesinnung auf die 'urspruengliche Kultur' oder auf das 'kulturelle Erbe' zu suchen. Zumindest sind solche Kriterien mit dem Selbstverstaendnis der Entwicklungslaender unvereinbar. Die Staaten der Dritten Welt sind der UEberfremdung durch die frueheren Kolonialmaechte staerker denn je ausgesetzt, aber nicht wegen des unbewaeltigten Kolonialerbes, sondern infolge der realen Bedrohung durch oekonomische UEbermacht. Ihnen in dieser Situation zur Bukolik oder zur Beschaulichkeit zu raten, ist von Zynismus nicht weit entfernt.« (2)
 Ein solcher Einwand uebersieht allerdings, daß Troeller und Deffarge eine moegliche Loesung auch gar nicht in einer illusionaeren Rueckkehr zu urspruenglichen Lebensformen sehen, sondern eher in der Sozialrevolutionaeren Umgestaltung von Staaten der Dritten Welt, die nach einem eigenstaendigen Weg der Entwicklung suchen. Die Ursprungsmythen dienen bei einer solchen Suche nur als Orientierungsmarken, die die Tendenz der anvisierten Sozialutopie bezeichnen. Mit dieser Suche nach politischen, sozialen und kulturellen Alternativen zu den kapitalistischen, kommunistischen und patriarchalisch gepraegten Industriegesellschaften ist ein weiteres Leitmotiv benannt, das die Reportagereihen durchzieht.
 Bereits in den fruehen Reportagen aus dem Jemen suchte das Team Troeller/Deffarge nicht nur nach Relikten 'urkommunistischer' Sozialstrukturen (Kommunisten seit 1000 Jahren 1973), sondern auch nach neuen revolutionaeren Perspektiven (Suedjemen, das Kuba der arabischen Welt 1972). Den Versuch einzelner Laender und Befreiungsbewegungen, eigenstaendige Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft in die Praxis umzusetzen, dokumentierten sie unter anderem auch in Reportagen aus Algerien (Algier, Hauptstadt der Revolutionaere 1972), Madagaskar (Die Revolution der kleinen Leute 1973), Tansania (Zum Teufel mit der Schule 1974) und Eritrea (Allein gegen die Großen 1977, Die Vergessenen 1986).
 Mit solchen und aehnlichen Filmen standen sie im Kontext einer breiten Solidaritaetsbewegung, die sich seit den spaeten sechziger Jahren um die Unterstuetzung sozialrevolutionaerer Tendenzen in Laendern der Dritten Welt bemuehte. Doch anders als viele Dritte-Welt-Gruppen, die nicht selten zu einer Idealisierung des jeweils favorisierten Entwicklungsmodells neigten, beobachteten Troeller und Deffarge deren Entwicklung bei aller Sympathie mit distanzierter Skepsis. Wiederholt ueberprueften sie ihre einstigen Einschaetzungen im Lauf der Zeit und kamen dabei etwa am Beispiel Tansanias, Algeriens, Chinas oder auch des Iran zu ernuechternden Bilanzen. Seine Zielsetzungen und seine Vorgehens weise hat Gordian Troeller 1981 in einem Interview skizziert:
 »Wenn ich meine Denkweise definieren sollte, wuerde ich sagen, daß die vorherrschenden Wertvorstellungen, die politischen Dogmen und eine ganze Menge wissenschaftlicher Methoden mir suspekt vorkommen, weil sie ideologisch besetzt sind. Sie erscheinen mir wie ein Schleier zwischen der Welt und mir, wie ein Zerrspiegel, der mir den Zugang zur Wirklichkeit verstellt. Das macht unsere Arbeit eher schwerer als leichter. (...) Vielleicht haben wir deshalb diese unsichtbare Schranke ueberwinden koennen, die die meisten daran hindert, andere Kulturen von innen heraus zu verstehen. Den kulturellen Hochmut des Ethnozentrismus und den Fortschritts-Fetischismus, dem Linke wie Rechte gleichermaßen huldigen, lehnen wir mit der gleichen Entschiedenheit ab, mit der diese unsere Ideen bekaempfen. Wir haben selber recht lange gebraucht, um zu akzeptieren, daß der weiße westliche Mensch nicht das Summum der menschlichen Entwicklung ist, der ueber andere Kulturen richten darf. Und wir sind zu dem Schluß gekommen, daß es fuer andere Voelker eine Katastrophe ist, wenn unsere Zivilisation sich ihrer annimmt.« (3)
 Diese Skepsis duerfte ihn auch davor bewahrt haben, allzu enttaeuscht auf das Scheitern entwicklungspolitischer Experimente zu reagieren, von dem die Solidaritaetsbewegungparalysiert worden ist. Das Interesse der 'Neuen Linken' an Problemen der Dritten Welt ließ in den achtziger Jahren in dem Maße nach, wie sich die sozial-utopischen Hoffnungen zerschlugen. War der Kommentar-Journalismus schon unter dem Einfluß des Direct Cinema in den sechziger Jahren in Mißkredit geraten, so wurden nunmehr auch die strukturanalytischen Filme und die Dritte-Welt-Filme auf linke Klischees, politische Projektionen und Schwarzweißmalerei hin ueberprueft. Am rigorosesten rechneten Filmemacher wie Peter Heller, Peter von Gunten und Peter Krieg mit dem zuvor von ihnen selbst bevorzugten Filmstil ab. Peter Heller sprach vom »linken Paukersyndrom«, das die eigenen Weltverbesserungsideen zu didaktischen Dokumentarfilmen verarbeitete. Peter Krieg stellte den von Dokumentarfilmen postulierten Wahrheitsanspruch in Frage und bezweifelte grundsaetzlich die Moeglichkeit einer realitaetsadaequaten Abbildung von Wirklichkeit durch dokumentarische Filme. Beide Autoren wandten sich staerker subjektiv gepraegten Essayfilmen zu. Die in den achtziger Jahren immer wieder gefuehrte Debatte ueber die Krise des Dokumentarfilms traf insbesondere auch die Dritte-Welt-Filme.
 GordianTroeller blieb von den filmtheoretischen Diskussionen der sechziger und achtziger Jahre ueber Direct Cinema und die Krise des Dokumentarfilms sowie von den wechselnden dokumentarischen Moden merkwuerdig unberuehrt. Er hielt wohl auch bewußt Distanz zu ihnen. Seinen eigenen Filmstil hat er frueh entwickelt und seit den sechziger Jahren nicht wesentlich modifiziert.
 Wie viele Fernseh-Journalisten der aelteren Generation kam auch er von der Presse. Der Wort-Journalismus und die Fotoreportage haben seinen Filmstil beeinflußt. Dessen markantestes Merkmal ist ein scharfsinnig-analytischer und vielfach provokant zugespitzter Autorenkommentar, der durch Interviews und Gespraeche ergaenzt wird. Das hat ihm wiederholt den Vorwurf eingetragen, seine Filme seien wortlastig und er illustriere vielfach mit filmischen Mitteln vorgefertigte journalistische Analysen. Gegen Vorwuerfe dieser Art hat er sich vehement zur Wehr gesetzt:
 »Starke Bildsequenzen passen nicht unbedingt zu starken Textpassagen - und umgekehrt. Manchmal ergaenzen sich Bild und Text nicht recht. Dann wettern die Puristen: Der Troeller belegt nicht, was er sagt, die 'Schere' zwischen Bild und Text klappt weit auseinander. Das kommt schon mal vor. Aber stimmt deshalb meine Analyse nicht? Als ich schreibender Journalist war, brauchte ich nichts mit Bildern zu belegen. Man nahm mir ab, daß ich gruendlich recherchiert hatte. (...) Jetzt verlangen pedantische Puristen, daß jeder Satz von Bildern bestaetigt wird. Bei Reiseberichten und Propagandafilmen ist das einfach, bei Analysen hingegen ganz unmoeglich. Es sei denn, man stellt die Szenen, spielt den Regisseur, um die verlangten Beweise zu erbringen. Das lehne ich ab. (...) Interviews schaffen Probleme, wenn man nur 45 Minuten fuer einen Film zur Verfuegung hat und viel erklaert werden muß. Wie soll ein Bauer oder ein Arbeiter aus seiner individuellen Lage heraus die Gesamtheit einer Situation, die Ursachen seines Elends ebenso beurteilen und konkret zusammenfassen, ja, einem deutschen Publikum verstaendlich machen koennen, wie wir, die wir so viele Vergleiche anstellen koennen? Deshalb finden wir es realistischer, Bilder zu zeigen, die die Situationen charakterisieren, und darueber unsere Erfahrungen zu erlaeutern.« (4)
 Ganz von der Hand weisen laeßt sich der Einwand, es handle sich bei vielen Filmen um eine von politischen Analysen vorstrukturierte selektive filmische Wahrnehmung mit solchen Argumenten allerdings nicht. Doch darin besteht die Crux jeglicher Filmberichterstattung.
 Schon die ersten bedeutenden Fernsehreporter wie Peter von Zahn (Bilder aus der Neuen Welt), Hans Walter Berg (Gesichter Asiens), Thilo Koch (Weltbuehne Amerika) und Peter Scholl-Latour orientierten sich in ihrer Auslandsberichterstattung ueber die Dritte Welt an leitenden Perspektiven wie dem Ost-West-Gegensatz, dem Stand der Industrialisierung oder der Adaption westlicher Kultur und Zivilisation. Spaeter kamen der Nord-Sued-Konflikt, entwicklungspolitische und oekologische Gesichtspunkte hinzu.
 Troeller steht dagegen in einer kolonial- und imperialismuskritischen Tradition, wie sie im Dokumentarfilm frueh von Joris Ivens und im Fernsehen zuerst von Gert von Paczensky und der fruehen Panorama-Redaktion gepraegt worden ist. Seine Besonderheit besteht darin, daß er an dieser analytischen Betrachtungsweise selbst dann noch festhielt, als das Fernsehen und die Filmemacher der 'Neuen Linken' sich von ihr abwandten. Lag er in den siebziger Jahren im Trend, so wurde er in den Achtzigern und Neunzigern eher zum Außenseiter. 
Diese hartnaeckige Konsequenz, die ihm gelegentlich als Starrsinn vorgehalten worden ist, erweist sich unter den gewandelten Verhaeltnissen allerdings als neue Qualitaet. Mehr denn je liegen Troellers Filme mit ihrem aufklaererischen Anspruch und ihrer Parteinahme fuer die in Abhaengigkeit und Armut gehaltenen Voelker der Dritten Welt quer zur Depolitisierung nicht nur der Fernsehberichterstattung. Staerker noch als zuvor sind sie zum Stein des Anstoßes geworden, an dem sich der herrschende Konsens bricht. Waehrend die am Vorbild der Live-Berichterstattung von CNN orientierten aktualitaetsversessenen Reportagen immer reflektionsloser werden, konterkariert Troeller die Selbstverstaendlichkeiten, Mythen und Tabus der Fernsehberichterstattung durch provokante Gegendarstellungen, die oft heftige oeffentliche Diskussionen ausloesen. Gerade in dieser Funktion im Kontext oeffentlicher Meinungsbildung erweist sich die Produktivitaet seiner Vorgehensweise. Zwei Beispiele liefern reichliches Anschauungsmaterial.
 Mit der Reportage ...denn ihrer ist das Himmelreich eroeffnete Troeller 1984 bei Radio Bremen seine neue Reihe Kinder der Welt. Am Beispiel der Missionstaetigkeit der katholischen Kirche bei Indianern im tropischen Tiefland Boliviens beschreibt er Kindheit als Metapher fuer einen Erziehungs-, Unter-drueckungs- und Anpassungsprozeß, der in der Entmuendigung und 'Zivilisierung' von Naturvoelkern durch die Agenten christlicher Religiositaet und westlicher Kultur seine Entsprechung findet. Die katholische Kirche erscheint dabei nicht nur in historischer Sicht, sondern auch in ihrem gegenwaertigen Wirken als eine der staerksten Kraefte der Zersetzung einst autonomer indianischer Kulturen. Sie beantwortete diese journalistische Herausforderung nicht nur mit einem Aufschrei der Empoerung, sondern vor allem auch mit einer gezielten Intervention in den Gremien und Rundfunkraeten der ARD und Radio Bremens. Von »beispielloser Diffamierung der kirchlichen Missionsarbeit« war die Rede; man erwog strafrechtliche Schritte wegen Veraechtlichmachung der christlichen Religion, und Forderungen nach Einstellung der Reihe und Kuendigung der Zusammenarbeit mit Troeller wurden laut. Der Sender blieb den massiven Interventionen der katholischen Kirche gegenueber allerdings standhaft und stellte sich trotz heftiger Kritik auch aus den Reihen der ARD und des Rundfunkrats im Namen journalistischer Meinungsfreiheit hinter den Autor und seinen Film. (5)
 War hier der Nerv einer Institution getroffen, die mit ihrer Lobby in den Rundfunkraeten in der Regel fuer eine kirchenfreundliche Berichterstattung des oeffentlich-rechtlichen Fernsehens sorgt, so wurde eine weitere Reportage der Reihe Kinder der Welt zum Skandalen, weil sie nicht nur eine andere Religionsgemeinschaft in Harnisch versetzte, sondern zugleich ein deutsches Trauma beruehrte. Die Reportage Die Nachkommen Abrahams (1989) setzte sich unter dem Eindruck der lntifada, des Aufstands der Palaestinenser gegen die israelische Besatzungsmacht, mit dem israelisch-arabischen Konflikt auseinander.
 Dixieland - das ist im Jargon der Nahost-Korrespondenten der etwas abschaetzige Name fuer Israel -, und das soll wohl heißen, daß man es wie selbstverstaendlich fuer eine Art Yankee-Kolonie haelt. Dennoch, oder gerade deshalb, ist die deutsche Fernsehberichterstattung bei aller Kritik an einzelnen Mißstaenden in der Grundtendenz pro-israelisch geblieben. Das hat die gesamte Nahost-Berichterstattung eingefaerbt. In der Auslandsberichterstattung des Fernsehens nimmt sie zwar einen großen Raum ein, aber das deutsche Fernsehen ist in diesem Konflikt keineswegs der neutrale Beobachter, der allen Seiten gleichermaßen gerecht zu werden versucht, sondern es ergreift spaetestens dann Partei, wenn Israel involviert ist. Schon Peter von Zahn verschaffte in seinem Fernseh-Portrait Der Sohn des Loewen. Israels Ben Gurion (1963) dem israelischen Staatsfuehrer ein Forum der Selbstdarstellung und rechtfertigte unter Berufung auf uralte religioese Prophezeiungen von der Rueckkehr des auserwaehlten Volkes in das Land der Vaeter die expansive zionistische Eroberungs- und Siedlungspolitik. Den deutschen Fernsehzuschauern wurden auf diese Weise die juedischen Geschichtslegenden von der Entstehung des Staates als Fakten unterbreitet. Getreu der zionistischen Parole »Ein Land ohne Volk fuer ein Volk ohne Land« erschien die juedische Landnahme in Palaestina in dieser Sicht als Besiedlung eines nahezu menschenleeren Wuestenlandes.
 Der liberale und linke Journalismus hatte dem skizzierten Israel-Bild lange Zeit wenig entgegenzusetzen. Anders als in England und Frankreich wurde Kritik am militanten Zionismus wegen der Schuld, die seit der Massenvernichtung der Juden auf Deutschland lastet, vielfach mit Antisemitismus gleichgesetzt und aus einem kollektiven schlechten Gewissen heraus gerade auch von der Linken tabuisiert.
 Noch staerker als fuer Presse und Rundfunk galt dies fuer die Fernsehberichterstattung. Der Fernseh-Journalist Helmut Greulich hat in seinem Dokumentarfilm Wiefern ist der Nahe Osten (1975) am Beispiel eines Israel-Korrespondenten ueber Arbeitsweise und Zwaenge der journalistischen Taetigkeit in der Region berichtet. Fuer den einzelnen Korrespondenten ist es aeußerst schwer, gegen den skizzierten Trend, der von der Heimatredaktion erwartet und teilweise auch gesteuert wird, anzu-berichten. Zwar ist auch die deutsche Fernsehberichterstattung spaetestens seit dem Engagement der Studentenbewegung fuer die arabisch-palaestinensische Befreiungsbewegung auf die problematische Lage der Palaestinenser verstaerkt aufmerksam geworden. Doch selbst die Berichterstattung ueber Diskriminierung und Benachteiligung der Palaestinenser und die im Verlauf der israelisch-arabischen Kriege von 1956, 1967 und 1973 vollzogene voelkerrechtswidrige Eroberung und Annexion arabischen Landes durch Israel zeigt in der Regel viel Verstaendnis fuer die Politik der Staatsfuehrung. Trotz des allmaehlichen Wandels der Israel-Berichterstattung sind die zentralen Tabus und Ideosynkrasien in Deutschland nach wie vor wirksam. Dabei wirken die Tabus in der Regel als internalisierte Denkmuster und Kommunikationsverbote, als Schere im Kopf. Erst wenn sie trotzdem verletzt werden, tritt mit dem oeffentlichen Protest auch die interne Rundfunkzensur in Aktion.
 Gordian Troeller begann seine Reportage Die Nachkommen Abrahams (1989) aehnlich wie Peter von Zahn sein Portraet Ben Gurions mit einem Rekurs auf biblische Mythen und Verheißungen. Doch anders als jener reproduzierte er nicht das Selbstverstaendnis der israelischen Staatsfuehrung, sondern begann mit einer Kontrastmontage, die die im Lande herrschenden Interessengegensaetze und Widersprueche scharfkonturierte. Vermummte palaestinensische Kinder spielen auf den Straßen Intifada. Brave juedische Kinder singen in einem Kindergarten hebraeische Lieder. Dann erst setzt der Kommentar ein:
 »Die Juden sind aus den verschiedensten Laendern der Welt in dieses Land gekommen. Einige Kinder hier sehen aus wie Marokkaner, andere wie AEthiopier und wieder andere wie Polen und Deutsche. Der Grund fuer die Diskriminierung und Verfolgung der Juden kann also nicht die Rasse sein, auch wenn das Wort Antisemitismus das nahelegt. Was weltweit zur Ausgrenzung des juedischen Volkes fuehrte, hat eher mit seinem Anspruch zu tun, Gottes auserwaehltes Volk zu sein. In  diesem Glauben werden die Kinder noch heute erzogen. Sie lernen auch, daß Gott ihnen das Land geschenkt hat. (...) Das war vor 4000 Jahren. Die meisten Juden, die in den letzten hundert Jahren hier einwanderten, haben sich darauf berufen. Doch in diesem Land lebten schon andere Menschen. Araber. Auch sie sind Nachkommen Abrahams. Die 'Bruderfehde' zwischen Juden und Palaestinensern hat zu mehreren Kriegen gefuehrt. Israel konnte sich behaupten und seine Existenz wird von der Mehrheit der Palaestinenser nicht mehr in Frage gestellt. Es koennte Friede herrschen, wenn die Israelis sich mit den ihnen international zugestandenen Gebieten begnuegen wuerden.«
Mit dieser Einleitung verletzte Gordian Troeller gleich eine ganze Reihe von Tabus. Mit der Infragestellung der Mythen vom 'auserwaehlten Volk' und vom 'Land der Verheißung' wird auch die Legitimation der israelischen Landnahme und Herrschaft in Frage gestellt und die Juden werden mitverantwortlich gemacht fuer den Antisemitismus. Und es werden die zionistischen Koloniallegenden vom 'Land ohne Volk' widerlegt, die Forderungen der Palaestinenser unterstuetzt und Israels Annexionspolitik fuer die gespannte Lage und die Intifada verantwortlich gemacht. Im weiteren Verlauf zeigt der Film am Beispiel zweier palaestinensischer Familien die elenden Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten, die schon bei den Kindern zu Angst- und Haßphantasien fuehren und stellt dann arabische und israelische Schulklassen vor, um zu demonstrieren, wie die Feindbilder der Elterngeneration von den Kindern und Jugendlichen uebernommen werden. Der Schluß zeigt mit Aktionen der Friedensorganisation Peace now und mit Frauendemonstrationen Aktivitaeten der liberalen und linken juedischen Opposition, die sich fuer die Raeumung der besetzten Gebiete und die Verstaendigung mit den Arabern ebenso einsetzt wie fuer »die Werte, denen sich die meisten Juden in aller Welt verpflichtet fuehlen: Menschlichkeit, Toleranz, Friedfertigkeit...«
Der Film ist antithetisch durchstrukturiert und ergreift deutlich Partei, wie Dutzende von Features zuvor auch - nur eben fuer die andere Seite. Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten.
 Der Fernsehausschuß des Bayerischen Rundfunks erklaerte die Reportage fuer gesetzeswidrig, weil sie eine »eindeutige antisemitische Tendenz« aufweise, und erforderte eine Gegendarstellung. Der Rundfunkrat des NDR sprach von »antijuedischen Tendenzen« und »historischen Fehldarstellungen«. Der Vorsitzende des Programmbeirates der ARD meinte, der Film sei »maßlos aggressiv gegen Israel gewesen und geeignet, antisemitische Gefuehle zu wecken« und zeigte sich entsetzt darueber, daß ein solcher Beitrag im deutschen Fernsehen gezeigt worden war. Der Zentralrat der Juden sah das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in der Bundesrepublik bedroht, und der Vertreter der juedischen Kulturgemeinde im bayerischen Rundfunkrat sprach von Nazi-Propaganda, die dazu diene, »die Stimmung gegen die Juden aufzuheizen«. Radio Bremen konzedierte mißverstaendliche Formulierungen, wies die Vorwuerfe jedoch zurueck. (6)
 Gordian Troeller reagierte auf die auch in der Presse vorgetragenen Angriffe mit dem Hinweis, »daß die israelische Propaganda jede Kritik am Staat Israel als Verleumdung des juedischen Volkes anprangert«, um sie dann als neonazistisch und antisemitisch abwerten zu koennen. Der Film habe fuer die Menschenrechtsverletzungen aber nicht »die Juden« verantwortlich gemacht, sondern die israelische Regierung. »Mit der Gleichsetzung von Israel und juedischem Volk tut man den Juden in aller Welt keinen Gefallen. Im Gegenteil, man provoziert einen neuen Antisemitismus. Aber gerade dem wollen wir mit Filmen wie dem unsrigen entgegenwirken.« (7)
 Die Angriffe auf Troellers Film zeigen, daß es in Deutschland, anders als etwa in England, Frankreich und den USA, offenbar nach wie vor kaum moeglich ist, Kritik an der israelischen Politik und dem Mißbrauch der juedischen Religion fuer Zwecke der zionistischen Rechtfertigungsideologie zu ueben, ohne sogleich als Antisemit verschrien zu werden. Nicht, daß man hierzulande zwischen Antizionismus und Antisemitismus nicht unterscheiden koennte. Man kann es schon, aber man darf es nicht und hat es auch nicht zu wollen. Insbesondere laeuft jede Parteinahme fuer Palaestinenser und Araber Gefahr, ebenfalls als Antisemitismus abqualifiziert zu werden. »Die Solidaritaet mit dem vorgeschobenen Posten abendlaendischer Zivilisation in der arabischen Welt war psychologisch dadurch nicht hinterfragbar abgesichert«, so heißt es in einer neueren Studie zum TV-Orientalismus, »daß die Adenauer-Gesellschaft sich vom Grauen der Vergangenheit durch unverbruechliche Freundschaft mit dem Staat Israel loszukaufen suchte. Diese 'Entsorgung' von Schuldgefuehlen schaffte in der Bundesrepublik, was in anderen Laendern das Geschaeft einer massiven Lobby war, naemlich die Demarkationslinie des Diskurses ueber die Region durch die Gleichung pro-arabisch = antisemitisch festzulegen und mit Argusaugen zu bewachen.« (8) Wegen der Schuld, die das deutsche Volk mit den Judenverfolgungen auf sich geladen hat, hat es nun zur Suehne und Wiedergutmachung seiner Untaten geschlossen hinter Israel zu stehen. Und wehe den Feinden, die es wagen, diesen Staat zu bedrohen. Die Mehrheit der Deutschen und ihrer Presse von Bildbis Konkret - das ist anlaeßlich des letzten Golf-Krieges klar geworden wie selten zuvor - ist innerlich bereit und demnaechst dank der kuenftigen NATO-Eingreiftruppen auch militaerisch geruestet, sie niederzumachen. Am besten mit einem Praeventivschlag. 
Der zwanghafte Philosemitismus, mit dem die Deutschen ihre Vergangenheit zu bewaeltigen glaubten, hat ein Monstrum wieder zum Leben erweckt, das fast so alt ist wie der verdraengte Antisemitismus und diesem in vielen Zuegen zum Verwechseln aehnlich sieht - den Antiarabismus und Antiislamismus. Der nach den Judenvernichtungen tabuisierte Antisemitismus hat damit jedoch nur seine Gestalt veraendert und richtet sich nunmehr nicht mehr so sehr gegen die Juden als vielmehr gegen die uebrigen semitischen Voelker und darueber hinaus gegen den gesamten Islam. Dieser Gestaltwandel des schuld- und interessegeleiteten deutschen und europaeischen Ressentiments, das mit wachsender Distanz zum Holocaust und wechselnder Interessenlage auch wieder umschlagen kann in die unterschwellig immer noch spuerbare und partiell auch noch offen auftretende Judenfeindschaft, ist das Charakteristikum des hier skizzierten januskoepfigen Antisemitismus-Syndroms.
 Es liegt in der Logik dieses Syndroms, daß die Bombardierung des Irak propagandistisch dadurch vorbereitet wurde, daß sein Staatschef Saddam Hussein als arabisch-islamischer Hitler verteufelt wurde. Nicht weil er Kuweit annektiert hatte, sondern weil er mit seinen Großmachtplaenen auch Israel und die westlichen Interessen in Nahost bedrohte. Faschistische Diktaturen darf man nicht nur, man muß sie - wie der Zweite Weltkrieg angeblich gelehrt hat - ohne falsche Ruecksichtnahme und 'Appeasement-Politik' rechtzeitig militaerisch vernichten. Die Angreifer nannten sich wie einst die Anti-Hitler-Koalition die 'Alliierten', und die Deutschen standen diesmal zwar auf der richtigen Seite, mußten sich aber von ihren 'Alliierten' wie von den Israelis den Vorwurf gefallen lassen, sie seien nicht militant genug bei der Sache.
 Dabei steigerte auch die Fernsehberichterstattung das Schreckensbild vom irakischen Diktator und seinem verblendeten Volk durch Rekurs auf alte abendlaendische AEngste und Feindbilder ins Daemonische. Wie einst der von den Arabern verherrlichte Feldherr Saladin den Kreuzrittern als Ausgeburt der Hoelle und Gesandter des Teufels erschienen war, so wurden jetzt Saddam Hussein und seine Anhaenger verteufelt. Doch er ist nur der vorerst letzte in der nach dem Zweiten Weltkrieg von den westlichen Medien entworfenen Galerie schreckenerregender arabisch-islamischer Despoten und fanatisierter Voelker. AEhnliches war zuvor schon Nasser und den AEgyptern, Arafat und den Palaestinensern, Ghadaffi und den Libyern sowie Khomeiny und den Iranern widerfahren, als sie es wagten, sich mit dem Kampf gegen Israel, der Verstaatlichung des Suezkanals oder der eigenen OElindustrie dem Zugriff der euro-amerikanischen Konzerne und der westlichen Großmaechte zu entziehen, die ihrer Ansicht nach im Nahen Osten imperialistische Interessenpolitik betrieben. Nach gleichem Muster wird auch der islamische Fundamentalismus als ebenso fanatische wie bedrohliche Heilslehre perhorresziert.
 Besonders hervorgetan haben sich bei dieser Verketzerung wechselnder arabischer Staaten, Staatsmaenner und des Fundamentalismus die Nahost-Experten des deutschen Fernsehens, Gerhard Konzelmann und Peter Scholl-Latour. In einer Fuelle von Reportagen und fragwuerdigen Sachbuechern verficht Konzelmann seine These vom jahrhundertealten Kampf zwischen Orient und Okzident, Islam und Christentum, der nun mit dem Herrschaftsanspruch des Fundamentalismus neuerlich in eine entscheidende Phase getreten sei. Und zur Einstimmung des deutschen Fernsehpublikums auf den Golf-Krieg der sogenannten Alliierten gegen den Irak trat kurz vor dem Ablauf des US-Ultimatums der Sonderkorrespondent Peter Scholl-Latour mit seiner vierteiligen Dokumentation Das Schwert des Islam (6.1. -14.1.1991) im Fernsehen auf. Mit seiner Metapher vom 'Schwert Allahs', das Israel und das Abendland mit religioesem Fanatismus, 'Heiligem Krieg1, Giftgas, OEl-Boykott und der islamischen Atombombe bedroht, baute er ein Feindbild auf, das der bevorstehenden Bombardierung des Irak den Boden bereiten sollte. (9)
 Es gehoert zu den bedeutendsten Leistungen Gordian Troellers, daß er den antiarabischen und antiislamischen Stereotypen der Fernsehberichterstattung und der Stilisierung des Nahen Ostens zur permanenten Krisenregion in einer Vielzahl von Reportagen entgegengewirkt hat.
 Schon seine fruehen Reportagen aus dem Jemen, dem Irak und dem Iran bemuehten sich darum, dem westlichen Zuschauer Verstaendnis fuer die Eigenarten der islamischen Religiositaet und Kultur und die politischen Probleme der arabischen Voelker zu vermitteln. Dabei hat insbesondere seine Sympathie fuer die islamische Revolution im Iran viel Widerspruch provoziert. Mit seiner Iran-Reportage Freiheit unter dem Schleier (1981) unterlief er die gaengige Gleichsetzung von Verschleierung und Frauenunterdrueckung und zog sich den Zorn westlicher Feministinnen zu. Zugleich konterte er die westlichen Islam-Klischees durch den Nachweis, daß der moderne Fundamentalismus mit der Abwehr westlicher UEberfremdung nicht der Aggression oder einer obskuren 'Rueckkehr ins Mittelalter', sondern in erster Linie der Bewahrung der eigenen Kultur dient.
 Troellers Nahost-Reportagen erweisen sich damit im Programmkontext als Instrumente der Dekonstruktion mythisch fundierter Medienbilder, die insbesondere die Ressentiments und Freund-Feind-Schemata deutscher Zuschauer aufbrechen. Gerade weil sie tief verwurzelte Tabus in Frage stellen, provozieren sie eine Diskussion, die in Deutschland ueberfaellig ist. Dies ist um so wichtiger in einer Situation, in der der letzte Golf-Krieg die alten Medienklischees wieder aktiviert hat. Troellers filmische Strategie, die die ethno- und eurozentrischen Leitlinien des Fernsehjournalismus und deren Tendenz zur Krisen- und Elendsberichterstattung ueber die Dritte Welt unterlaeuft und gezielt mit Gegenbildern konfrontiert, erweist sich damit als produktiv. Mit der Demontage nationaler Stereotypen und Vorurteile zielt sie auch auf die Relativierung medial vermittelter Weltbilder, die aufgrund ihrer Omnipraesenz von der Masse der Zuschauer leicht als adaequater Ausdruck der Realitaet genommen werden.
 Ein Pruefstein fuer die Qualitaet des Fernseh-Dokumentarismus wird auch kuenftig sein, ob er umstrittenen Außenseitern wie Gordian Troeller die Moeglichkeit bietet, ihre Sicht der gesellschaftlichen Verhaeltnisse oeffentlich zur Diskussion zu stellen.
 Auch und besonders dann, wenn dadurch die uns allen allzu vertraute Fernseh-Realitaet aus zweiter Hand ins Flimmern geraet.
 
Dr. Peter Zimmermann, geb. 1944, Privatdozent der Literatur- und Medienwissenschaften. Von 1973 bis 1991 Lehr- und Forschungstaetigkeit an den Universitaeten Wuppertal, Kairo und Marburg. Seit 1992 wissenschaftlicher Leiter des von SDR, SWF, ZDF u.a., neugegruendeten Hauses des Dokumentarfilms in Stuttgart.
 

(1)  Fernseh-Kritik in: Niederelbe-Zeitung vom 28.7.1976
 (2)  Manfred Hutterer: Partnerschaft - ein leeres Wort. In: Sueddeutsche Zeitung vom 1.12.1974
 (3) GordianTroeller und Marie-ClaudeDeffarge im Gespraech. CON-Film, Bremen 1988, S. 36 f.
 (4)  Gordian Troeller, a.a.O., S. 11 f.
 (5) Vgl. Dokumentation des CON-Fim-Verleihs zur Kampagne der katholischen Kirche gegen Troellers Film.
 (6)  Vgl. 'BR-Fernseh-Ausschuß ruegt Troeller-Reportage als gesetzwidrig'. In: epd 90/89 vom 15.11.1989; 'Heftige Kritik an Fernsehsendung ueber Palaestinenserkinder'. In: epd/Kirche und Rundfunk Nr. 77 vom 30.9.1989; Ellen Hofmann: 'Wahrheitssuche in vermintem Gelaende' .In: Sueddeutsche Zeitung vom 14.11.1989; Gordian Troeller: 'Israel ist ein Staat wie jeder andere'. In: Sueddeutsche Zeitung vom 17.11.1989; David Singer: 'Den Genozid zum Gaertner machen. Fuer die ARD sind »die Juden« selber schuld'. In: Die Tageszeitung vom 26.9.1989; Uwe Grieger: 'Vom hohen Roß herunter. Antwort auf David Singers Kritik'. In: Die Tageszeitung vom 29.9.1989; Elkan Spiller: 'Antisemitismus in der Informationsvermittlung. Analyse eines vieldiskutierten Dokumentarfilms'. Diplomarbeit an der Hochschule der Kuenste Berlin, 1991.
 (7)  Gordian Troeller: Die israelischen Mythen. In: Die Tageszeitung vom 4.10.1989
 (8) Dorothee Kreuzer: Der elektronische Orientalismus. Spiegelreflexe im Weltspiegel. In: Helmut Kreuzer, Heidemarie Schumacher (Hrsg.): Magazine audiovisuell. Politische und Kulturmagazine im Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1988, S. 228.
 (9)  Vgl. dazu: Juergen Felix, Peter Zimmermann (Hrsg.): Medien-Krieg. Zur Berichterstattung ueber die Golf-Krise. Augenblick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft Nr. 11. Marburg 1991, S. 16 ff; Gernot Rotter: Allahs Plagiator. Die publizistischen Raubzuege des »Nahostexperten« Gerhard Konzelmann. Heidelberg 1992.

Ulrich Spies




Ein Signet der ARD - Gordian Troeller und der Grimme-Preis


Das Dokumentarische im deutschen Fernsehen wird seit drei Jahrzehnten maßgeblich durch zwei Namen gepraegt: Georg Stefan Troller und Gordian Troeller. Nachdem beide in den sechziger Jahren und Anfang der Siebziger haeufig wechselnd fuer verschiedene Anstalten der ARD und das ZDF arbeiteten, fand Gordian Troeller ab 1974 bei Radio Bremen, dem kleinsten Sender der ARD, eine dauerhafte Beschaeftigungsmoeglichkeit. Georg Stefan Troller gestaltete seit 1971 fuer das ZDF mehr als 70 Personenbeschreibungen und Features. Ein merkwuerdiger und gluecklicher Zufall also, daß zwei Maenner, die wegen ihrer Namensaehnlichkeit nicht selten verwechselt werden, es geschafft haben, beiden oeffentlich-rechtlichen Fernsehsystemen zu einem jeweils eigenen, kennzeichnenden und geachteten Signet zu verhelfen.
 Aber es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit, die diese beiden großen Dokumentaristen miteinander verbindet: Im Gegensatz zu den meisten Kolleginnen und Kollegen ihrer Zunft sprechen Troller und Troeller ihre Texte selbst. Texte, denen man in ihrer Praegnanz der Analyse, in ihrer Argumentations- und Stilsicherheit anmerkt, daß sie aus der Feder journalistisch gepraegter Autoren stammen. Ihre Stimmen, jede fuer sich unverwechselbar, sonor mit einem leichten Timbre, ihre gleichbleibend lakonische Sprache und die oft didaktisch wirkende Art der Betonung, dieses Sprech- und Hoererlebnis im fluechtigen Bildmedium Fernsehen haftet unausloeschbar all jenen Zuschauern im Ohr, die ihr Geraet (noch) in erster Linie zu Informations- und Erkundungszwecken einschalten. Die sich noch ein Gespuer fuer Sprachkultur in einem immer geschwaetziger daherkommenden Medium bewahrt haben.
 Fernsehpreise haben in Deutschland Konjunktur. Verbaende, Parteien, Presseverlage, Bundes- und Laenderministerien, ja sogar die Rundfunkanstalten selbst loben zur Pflege oder Aufbesserung des eigenen Images mitunter hochdotierte Fernsehpreise aus. Praemiert wird - bis auf Ausnahmen - den Massengeschmack bedienende, bereits vorher erfolgreich vermarktete TV-Unterhaltung, oder gefaellige Konvention. Die staendig steigende Zahl solcher Auszeichnungen steht jedoch in diametralem Gegensatz zur staendig sinkenden Qualitaet eines Programmangebots, das zudem immer unueberschaubarer wird.
 Der Adolf-Grimme-Preis, 1961 auf Initiative Bert Donnepps vom Deutschen Volkshochschul-Verband gestiftet und seit 1964 alljaehrlich in Mari vergeben, zeichnet als anerkannte kritische Instanz Fernsehsendungen, Serien und spezielle Programmleistungen aus, die (so das Statut) »die spezifischen Moeglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Inhalt und Methode Vorbild fuer die Fernsehpraxis sein koennen«. Durch Entscheidungen stifterunabhaengiger Juries und ohne Dotation sind bis heute mehr als 500 Regisseure, Autoren, Kameraleute, Schauspieler, Komponisten, Cutter, Moderatoren, Sprecher und Redakteure dekoriert worden, die mit ihren kuenstlerischen Hervorbringungen Qualitaetsmaßstaebe in allen Genres und Sparten des Programms gesetzt haben.
 Gordian Troeller und die von ihm (bis 1984 gemeinsam mit Marie-Claude Deffarge) in allen Teilen der Welt zusammengetragenen Filmdokumente ueber die alltaeglichen Verletzungen der Menschenwuerde, ueber das Elend und die Not in den sogenannten Entwicklungslaendern, waren und sind staendiger Gegenstand der Diskussion in Kommissionen und Juries des Adolf-Grimme-Preises. Ihre durch das Fernsehen in deutsche Wohnstuben vermittelten Bilder, Analysen und Konklusionen zaehlen heute beinahe zum rhetorischen Allgemeingut. Die Anhaengerschaft der troellerschen Form von Fernsehpublizistik unter den Zuschauern ist groß und dokumentiert sich - nach mehr als zehnjaehriger eigener Erfahrung des Verfassers - in regelmaeßigen Publikumsnominierungen fuer diesen Wettbewerb.
 Beim 20. Adolf-Grimme-Preis 1984, der Sendungen des Programmjahres 1983 praemierte, hatte die Vorauswahljury zwei Beitraege von Gordian Troeller und Marie-ClaudeDeffarge zur Preisverleihung weiterempfohlen: Abschied vom Lachen aus der Reihe Frauen der Welt und Bitterer Zucker aus der Reihe Im Namen des Fortschritts. Die Jury »Allgemeine Programme« (zusammengesetzt aus Fernsehkritikern, Medienwissenschaftlern und Weiterbildungsfachleuten) honorierte die herausragenden Leistungen des Autorenteams durch die Vergabe eines Adolf-Grimme-Preises mit Bronze fuer Bitterer Zucker und hob in ihrer Preisbegruendung sowohl auf die handwerklichen Qualitaeten als auch auf programmpolitische Aspekte ab:
 »Wirtschaftspolitische Vorgaenge, die Millionen betreffen, werden in den Fachressorts der Medien ueblicherweise so behandelt, daß nur eine eingeweihte Minderheit sie versteht. Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge beweisen mit ihrer kontinuierlichen Fernseharbeit, daß es auch anders, populaerer, wirkungsvoller geht. In ihrer Dokumentation Bitterer Zucker gelingt es ihnen in knappen 42 Minuten ueberzeugend und unerschrocken zu analysieren, warum - auf Kosten von Millionen Kleinbauern - aus dem Wirtschaftswunderland Brasilien der groeßte Schuldner der Welt wurde. Eine Menge Text ist dazu noetig, doch er ist hier so geschickt auf die Bilder und die zahlreichen authentischen Aussagen der Bauern abgestimmt - wobei zentrale Informationen unaufdringlich wiederholt werden -, daß man als Zuschauer nicht nur betroffen, sondern auch erheblich klueger zurueckbleibt. Die Auszeichnung fuer Bitterer Zucker aus der Reihe Im Namen des Fortschritts sollte Programmverantwortliche ermuntern, im Massenmedium Fernsehen nicht nur den Entertainer, sondern auch verstaerkt den Lehrmeister im besten Sinne zu sehen.«
Leider war es den ausgezeichneten Autoren nicht moeglich, Trophaee und Urkunde persoenlich in Empfang zu nehmen, da sie sich zum Zeitpunkt der Preisverleihung bereits bei den Dreharbeiten fuer den Abschlußfilm der Reihe Im Namen des Fortschritts in den USA aufhielten. Kurze Zeit spaeter verlor Gordian Troeller unmittelbar hintereinander die beiden fuer ihn wichtigsten Bezugspersonen: Marie-Claude Deffarge, die nach seiner Einschaetzung fuer das gemeinsame Lebenswerk ebenso viel, wenn nicht gar mehr verantwortlich war, und seine Mutter.
 Im Herbst 1984 veranstaltete das Adolf-Grimme-Institut eine Tournee mit Gordian Troellers praemiertem Film Bitterer Zucker: Geschildert werden darin die Verhaeltnisse im Nordosten Brasiliens, einer Region, die sechsmal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland und in der 35 Millionen Einwohner leben. Die meisten sind Tageloehner, die allmorgendlich aus ihren Elendsvierteln kommen und versuchen, Platz auf einem der Lastwagen zu finden, die sie zu den Zuckerrohrplantagen fahren. Nur waehrend der Ernte, die etwa 180 Tage dauert, werden viele Haende gebraucht; in der uebrigen Zeit, von Januar bis August, wird Zuckerrohr nur geschlagen, um Schnaps zu brennen und Sproesslinge zu pflanzen. Dann sind die meisten arbeitslos und muessen hungern.
 Stationen der Rundreise waren Hamburg, Bremerhaven, Cuxhaven und Bremen. Ziel dieser unter dem Titel 'Adolf-Grimme-Preis unterwegs' veranstalteten Unternehmung ist es, dafuer zu sorgen, daß Hoehepunkte des Fernsehens nicht vorschnell in Vergessenheit geraten; sie nochmals oeffentlich vorzuzeigen und zu diskutieren, bevor sie - was leider den meisten von ihnen beschieden ist - fuer immer in den Archiven der Rundfunkanstalten verschwinden. Darueber hinaus haben preisgekroente Filmemacher Gelegenheit, mit dem Publikum, den eigentlichen Adressaten ihrer Bemuehungen, ins Gespraech zu kommen.
 Gordian Troeller, der noch im selben Jahr 1984 gemeinsam mit 'seinem' Redakteur Elmar Huegler von Radio Bremen die Konzeption zur Filmreihe Kinder der Welt entwickelt hatte, nahm an zwei Veranstaltungen teil. Als exemplarisch fuer die Diskussionen, wie sie allerorts im Anschluß an die Praesentation gefuehrt wurden, moegen Fragen aus der Abschlußveranstaltung im Bremer Filmtheater Schauburg gelten, bei der dank guter Vorbereitung seitens des ortsansaessigen CON-Filmverleihs mehr als 160 Zuschauer anwesend waren:
 Welche Kraefte tragen die Verantwortung fuer diese Verhaeltnisse? Inwieweit sind deutsche Konzerne wie VW mittelbar oder unmittelbar daran beteiligt? Warum finden erfolgreich beschrittene 'dritte Wege' (Beispiel Kuba und auch Nicaragua) keine Nachahmung? Gordian Troeller machte in diesem Zusammenhang deutlich, daß die Verhaeltnisse in Nicaragua in keiner Weise mit denen in Brasilien zu vergleichen sind: Die Groeße des Landes und die Heterogenitaet der Bevoelkerungszusammensetzung (im Norden Indianer und Schwarze, im entwickelten Sueden Europaeer), machten die Herausbildung einer geeinten revolutionaeren Gegenmacht unmoeglich.
 Nach einer mehr als einstuendigen Diskussion verabschiedete sich Gordian Troeller. Es war spaet geworden, vor dem Kinosaal warteten bereits die Besucher der nachfolgenden Spaetvorstellung und Gordian Troeller mußte noch zurueck nach Hamburg - um Koffer zu packen vor dem Abflug zu Dreharbeiten im Iran, wo ein neuer Film fuer die Sendereihe Kinder der Welt gedreht werden sollte. Lang anhaltender Beifall verabschiedete ihn.
 Die Praesentation von Bitterer Zucker hat gezeigt, daß die Auseinandersetzung des Publikums mit Fernsehsendungen, die eine gesellschaftliche Debatte in Gang setzen wollen, weit ueber die Ausstrahlung und gelegentliche Wiederholung im fluechtigen Medium Fernsehen hinausreicht und zur vertiefenden Erkundung geradezu anstiftet. Das Konzept des 'Adolf-Grimme-Preis unterwegs' will moeglichst beides: Eine Diskussion ueber die (nach wie vor haeufig umstrittenen) Inhalte hervorragender Fernsehproduktionen und eine darueber, wie die Medienverhaeltnisse sind oder sein muessen, die solche Qualitaetsarbeit ermoeglichen. Bei der Tour mit Bitterer Zucker und Gordian Troeller hat sich dieses Konzept zum wiederholten Male bewaehrt.
 Auch fuer den 21. Adolf-Grimme-Preis 1985 wurden von Zuschauern zwei Troeller-Filme nominiert: ...denn ihrer ist das Himmelreich, der Eroeffnungsfilm der Reihe Kinder der Welt und Die Saat des Fortschritts oder Das Ende der Entwicklung, die Abschlußarbeit der Reihe Im Namen des Fortschritts. Wie bereits im Vorjahr mußte jedoch zunaechst die Huerde der Vorauswahljury genommen werden. Dieser Kommission obliegt die schwierige und zeitaufwendige Aufgabe, aus hunderten von Zuschauervorschlaegen einzeitlichdefiniertes Wettbewerbskontingent zu ermitteln, das dann (so die Praxis bis 1991) gemeinsam mit direkten Nominierungen seitens der Rundfunkanstalten (beim 21. Grimme-Preis waren ARD und ZDF als oeffentlich-rechtliche Programmanbieter letztmals unter sich) der Jury 'Allgemeine Programme' ueberantwortet wird.
 Informations- und Dokumentationssendungen haben es in diesem Selektionsprozeß schwer, sich gegenueber herausragenden Fernsehspielen, Unterhaltungs-, Kultur- oder Bildungsprogrammen durchzusetzen, da von Zuschauern - dem unterstellten kritischen Anspruch des Grimme-Preises gemaeß - in der Mehrzahl Exempel eines investigativen und aufklaerenden Fernsehjournalismus vorgeschlagen werden.
 Beim 21. Adolf-Grimme-Preis 1985 konnte sich Gordian Troeller - diesmal auf der Buehne des Marier Theaters - zum zweiten Mal in den Kreis der Preistraeger einreihen. Gemeinsam mit Elmar Huegler wurde ihm fuer die Dokumentation Die Saat des Fortschritts oder Das Ende der Entwicklung ein Adolf-Grimme-Preis mit Silber zuerkannt: »Mit Passion und Profession hat Gordian Troeller seinen eigenen und unverwechselbaren Stil der Berichterstattung ueber die Verelendung unserer Welt entwickelt. Seine Fernsehbeitraege, eher Thesen-Filme als Dokumentationen, sind in ihrer Treue zum Thema, ihrer Schluessigkeit und Entschiedenheit wesentliche Bereicherungen des entwicklungspolitischen Fernsehjournalismus. Jede einzelne seiner Sendungen hat die essayistische Qualitaet, persoenlich, originell und streitbar bis zur Strittigkeit zu sein. Die Zusammenfassung mehrerer Sendungen zu themenbezogenen Reihen bietet vertiefende, aspektreichere Informationen.
 In Die Saat des Fortschritts oder Das Ende der Entwicklung wendet Troeller die in den aermsten Laendern der Welt gesammelten Erfahrungen von wachsender Abhaengigkeit auf die Erste Welt und das Mutterland des Fortschritts an. Er bereichert damit die entwicklungsbezogene Berichterstattung um eine wesentliche Perspektive. Die Auszeichnung Gordian Troellers gilt auch dem Andenken seiner langjaehrigen Mitarbeiterin Marie-Claude Deffarge, die 1984 gestorben ist. Auch ihr zu Ehren sei angemerkt, daß bereits im Wettbewerbskontingent des vorigen Jahres ebenso wie in diesem zwei Beitraege aus ihrer Zusammenarbeit mit Gordian Troeller vorlagen.«
Mit Gordian Troeller zusammen erhaelt Elmar Huegler diesen Grimme-Preis. Ihm, dem Leiter des Programmbereichs Kultur und Gesellschaft in der kleinsten ARD-Rundfunkanstalt, Radio Bremen, ist zu danken, daß Gordian Troeller seit einem Jahrzehnt seine Arbeit kontinuierlich weiterfuehren konnte. Huegler erhaelt den Preis als getreuer Patron der Fernsehdokumentation im ARD-Programm. »Unter den 26 Beitraegen der Sparte 'Information und Dokumentation' des diesjaehrigen Wettbewerbs stammten vier aus dem Verantwortungsbereich Hueglers. An sie fallen zwei der sechs Grimme-Preise dieses Jahres«, so die Begruendung der Jury.
 In der zweiten Haelfte der achtziger Jahre hatten es Filme von Gordian Troeller trotz gleichbleibend ueberdurchschnittlicher Qualitaet schwer, bis ins Preisfinale vorzudringen oder gar ausgezeichnet zu werden. Zum einen hatte sich die Fernsehlandschaft durch das Hinzutreten privater Veranstalter und die Einspeisung von Sendungen via Satellit und Kabel grundlegend veraendert. Die Folge: immer mehr Kanaele, zunehmende Konkurrenz und Vervielfachung des Programmangebots. Dadurch wandelten sich zwangslaeufig Sichtweisen und Diskussionen in den Gremien des Grimme-Preises. Aber auch die an anderer Stelle in dieser Publikation beschriebenen Konflikte um Filme von Gordian Troeller (die katholische Kirche und ihre Gliederungen reagierten massiv auf den ersten Beitrag der Reihe Kinder der Welt und noch schaerfer artikulierten sich Proteste juedischer Organisationen in Deutschland und christlich-konservativer Parteien nach der Ausstrahlung von Die Nachkommen Abrahams) blieben nicht folgenlos: Fernsehkritiker ueberregional verbreiteter Tages- und Wochenzeitungen, viele von ihnen in Kommissionen und Juries des Adolf-Grimme-Preises vertreten, reagierten zunehmend resistent auf troellersche Erklaerungen und Thesen, sahen ihre eigene Kompetenz infrage gestellt und waehnten sich bevormundet von einem Autor, der alles weiß, alles erklaeren kann und scheinbar keine andere Meinung als die eigene gelten laeßt.
 Beim 24. Adolf-Grimme-Preis 1988 waere Gordian Troeller um ein Haar zum dritten Mal ausgezeichnet worden. Sein Film Die Verlassenen, der das Schicksal von verlassenen Kindern in Lateinamerika am Beispiel von Honduras verdeutlichte, stand bei den Schlußberatungen um die Vergabe der zehn Grimme-Preise im Wettbewerb 'Allgemeine Programme' auf den vorderen Plaetzen. Daß ihm kurz vor dem Ziel die zum Greifen nahe Trophaee vorenthalten wurde, hatte preis- und programmpolitische Hintergruende: Mit Die andere Seite der Muenze (ZDF), acht Nachrichten aus dem inoffiziellen Chile, und dem Auslandsbericht Lebend verbrannt (SWF) von Nicolaus Brender ueber Carmen Gloria und die Justiz des General Pinochet in Chile, waren bereits zwei Beitraege ueber die politischen Verhaeltnisse in Suedamerika als auszeichnungswuerdig ermittelt worden. In Anerkennung und unter ausdruecklicher Hervorhebung der herausragenden Qualitaet seiner Filme beschloß die Jury jedoch einstimmig, Gordian Troeller dem Stifter fuer die hoechste Auszeichnung im Rahmen des Adolf-Grimme-Preises zu empfehlen: Die Besondere Ehrung.
 Gert von Paczensky und der Referent fuer den Adolf-Grimme-Preis schlugen Gordian Troeller fuer die Besondere Ehrung vor. Nach gruendlicher Beratung in der Wettbewerbsleitung beschloß der Stifter beim 28. Adolf-Grimme-Preis 1992 die Vergabe dieser hoechsten Auszeichnung des Deutschen Volkshochschulverbandes an Gordian Troeller und Gerd Ruge. Gewuerdigt werden sollte damit das fernsehjournalistische Lebenswerk von zwei Maennern, die dem deutschen Fernsehpublikum mit unterschiedlichen Mitteln und Methoden ueber Jahrzehnte ein differenziertes Bild der politischen Verhaeltnisse und Entwicklungen in anderen Teilen der Welt geliefert haben. Daß diese Auszeichnung fuer das filmische Gesamtwerk von Gordian Troeller ausgerechnet im Jahre 1992 erfolgte, ist kein Zufall: Als ein Jahr, in dem durch vielfaeltige Jubelfeiern (Weltausstellung in Sevilla, Olympische Spiele in Barcelona) der Entdeckung Amerikas vor 500 Jahren durch Christopher Kolumbus gedacht wurde, war 1992 geradezu praedestiniert dafuer. Denn seine Kritik an der europaeischen Kolonialpolitik, die zur Ausbeutung einst maechtiger und reicher Voelker in der heutigen sogenannten Dritten Welt fuehrte, Menschen ihrer kulturellen Identitaet beraubte und dem christlichen Glauben unterwarf, zieht sich einem roten Faden gleich durch sein Filmschaffen. 
Der Vorstand des Deutschen Volkshochschul-Verband es vergibt die Besondere Ehrung an Gerd Ruege und Gordian Troeller, die - jeder auf seine besondere Art - »fuer eine praezise, verstaendige und couragierte Auslandsberichterstattung stehen, die nichts mit ueblicher Korrespondenten-Routine zu tun hat. Gordian Troellers Arbeit ist im deutschen Fernsehen einzigartig: Seit beinahe drei Jahrzehnten widmet er sein filmjournalistisches Koennen einem einzigen Gegenstand - der Berichterstattung und Aufklaerung ueber die Ausbeutung von Voelkern der sogenannten 'Dritten Welt' durch die reichen Industrienationen. Seine Filmographie weist mittlerweile weit ueber 70 Titel auf. Anfangs recherchierte er gemeinsam mit seiner inzwischen verstorbenen Lebensgefaehrtin Marie-Claude Deffarge fuer den NDR in den Kriegs- und Krisengebieten der arabischen Welt, in Lateinamerika und Afrika. Seit Mitte der siebziger Jahre arbeitet der gebuertige Luxemburger fuer Radio Bremen, den kleinsten ARD-Sender, der ihm den Freiraum zur Gestaltung der Filmreihen Im Namen des Fortschritts, Frauen der Welt und Kinder der Welt eroeffnete. Troellers Arbeiten schaffen eine wundersame Verbindung von 'radikal subjektiven' Erzaehlungen und publikumsfreundlicher Ansprache. Daß manche seiner Fernsehfilme umstritten sind und heftige Debatten ausloesen, spricht gerade fuer seine Methode. Filmarbeit ist fuer Gordian Troeller weder Selbstzweck noch bloße Verdienstquelle. Er moechte damit etwas bewirken, und zwar ueber die Ausstrahlung im Massenmedium Fernsehen hinaus. Deshalb hat er sich beizeiten umgesehen und im Bremer CON-Verleih einen ebenso engagierten Partner gefunden, der dafuer sorgt, daß in Volkshochschulen und anderen Einrichtingen kirchlicher und gewerkschaftlicher Weiterbildung mit diesen Filmen gearbeitet werden kann.«
In seiner Replik auf die von der Praesidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, Prof. Dr. Rita Suessmuth, vorgetragene Laudatio bedankte sich Gordian Troeller fuer die lobenden Worte und gab seiner Hoffnung Ausdruck, »daß diese Auszeichnung nicht nur meiner Filmarbeit gilt, sondern auch als Mahnung gedacht ist an die Programmacher der oeffentlichrechtlichen Anstalten, den kritischen Dokumentarfilm und die engagierte Reportage nicht auf dem Altar der Einschaltquoten zu opfern. Je groeßer die Flut der Informationen - und sie wird ja taeglich gewaltiger - desto notwendiger scheint mir ein Fernsehjournalismus, der bewertet und nicht davor zurueckschreckt, subjektiv zu sein. Denn objektive Wahrheiten, das wissen wir alle, gibt es nicht! Die immer wieder beschworene Ausgewogenheit ist ein Zugestaendnis an die widerspruechlichen Interessen unserer Gesellschaft, sie ist kein Rezept. Dokumentarfilmer sollten sich weder vom herrschenden Meinungstrend noch von politischen Interessen leiten lassen, sondern der Flut angeblich wertfreier und somit auch wertloser Informationen wertend entgegentreten. Ob sie dabei Zustimmung ernten, Wut, Skepsis oder was auch immer - es ist ohne Belang. Hauptsache, der Zuschauer muß sich mit dem Film auseinandersetzen, Stellung beziehen, nachdenken, seine eigene - aus der Flut meist oberflaechlicher Informationen gewonnene Meinung - hinterfragen. Auch Gerd Ruge tut, soweit ich seine Sendungen kenne, genau das. Er sagt unverbluemt seine aus der Erfahrung gewonnene Meinung und scheut sich nicht, gegen den Strom zu schwimmen. Ich bin deshalb sehr froh, diese Ehrung mit Gerd Ruege zu teilen.«
Die publizistische Resonanz auf die Besondere Ehrung Gordian Troellers war beachtlich: Waehrend fast alle ueberregional erscheinenden Tageszeitungen (und auch der Spiegel) durch Teilabdrucke der Stifterlaudatio darauf aufmerksam machten, nahmen das Hamburger Abendblatt, der Tagesspiegel, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt und sogar die Neue Zuercher Zeitung die Auszeichnung zum Anlaß, das Troellersche Lebenswerk in eigenrecherchierten Artikeln und Portraits zu wuerdigen.
 Bleibt abschließend zu fragen, ob eine solche Praemierung, ob Fernsehpreise ueberhaupt hinsichtlich der Programmqualitaet etwas bewirken koennen. Ein Blick in die sogenannte 'prime-time' des abendlichen Fernsehangebots laeßt Zweifel daran aufkommen. Denn hier findet seit nunmehr fast sieben Jahren ein erbitterter gegenseitiger Wettkampf aller Fernsehanstalten um die Gunst der Zuschauer statt. Programmstrukturreformen als Ergebnis einer oft hysterisch anmutenden Anpassung beider oeffentlich-rechtlicher Systeme an das Privatfernsehen haben zu einem kaum noch ueberschaubaren Serien- und Unterhaltungsangebot gefuehrt.
 Am Anfang dieser Entwicklung hatte Cornelia Bolesch in der Sueddeutschen Zeitung (Dokumentarisches Fernsehen (3): 'Jedem erlauben, er selbst zu sein', vom 27.1.1986) der ARD noch attestiert, »dank Troellers Provokationen zum Faktor in einer ueberlebensnotwendigen (entwicklungspolitischen, Anm. d. Verf.) Diskussion geworden« zu sein, waehrend die ARD »zum Dank dafuer diskutiert, ... wie sie seine und anderer Kollegen Arbeitsmoeglichkeiten beschneiden kann.« In der Zwischenzeit sind viele Dokumentations- und Feature-Termine an die Programmraender (Nachmittag, spaeter Abend) verschoben und in der Laenge von ehemals 45 auf 30 Minuten verkuerzt worden. Und manchem ausschließlich quotenorientierten Programmverantwortlichen ist auch dies noch zu lang.
 Außer fuer Gordian Troellers Filmreihe Kinder der Welt ist Elmar Huegler auch fuer die prominenteste und (beim Grimme-Preis) am haeufigsten ausgezeichnete Dokumentationsreihe Unter deutschen Daechern von Radio Bremen verantwortlich. Mit zunehmender Sorge beobachtet er die Politik des Fernsehmanagements, den Erfolg einer Sendung ausschließlich an der Zahl der Zuschauer abzulesen. Fuer ihn gilt das, was die Einschaltquote vermeintlich an Zustimmung ermittelt, nicht der Dichte, der Substanz, der 'Qualitaet' der dargestellten Wirklichkeit. Sie zeige vielmehr lediglich den Grad, in dem die Anpassung der Wirklichkeit an den Geschmack der Zuschauer gelungen ist.
 Auf den wenigen ihm verbliebenen 20.15-Uhr-Sendeplaetzen hemme das Qualitaetsaspekte außer acht lassende Diktat der Einschaltquote jeglichen Erfindungsgeist. Sie suggeriere, man habe bei Nichterreichung der vorgegebenen Zahl tatsaechlich Pfusch gemacht. Und dieses werde (zumindest atmosphaerisch) von der Programmverwaltung so auch noch vermittelt.
 Die zur Zeit fuer ihn daraus zu ziehende Konsequenz praesentierte Elmar Huegler unlaengst als »Vorschlag zur Guete« bei einer Fachtagung: »Ich schlage vor, uns endlich diesen Sendeplatz zu nehmen. Schafft uns ab 22.00 Uhr ein Reservat! Das wird die Wirklichkeit im ARD-Programm zwar nicht befoerdern, sieben Prozent der Zuschauer indes erreichen wir auch da. Was wir verlieren, ist also bestenfalls die Ehre, auf einem populaeren Platz verheizt zu werden. Was wir verlieren, ist das (im positiven Falle) interesselose Wohlgefallen von ein paar Zufallssehern. Was wir gewinnen (zurueckgewinnen), ist weit mehr: den Mut, der Quotenideologie zu trotzen, die Ungeniertheit in der Wahl der Themen, die Unbefangenheit gegenueber Stuecken und Autoren. So paradox es ist: Nur hier, im Reservat, weit ab von Medienraeson, kann solches noch gedeihen.«
Ein solch abgeschiedenes Dasein im Reservat mag zwar in der aktuellen Situation als erstrebenswertes Ziel erscheinen. Mittel- bis langfristig sollten jedoch alle an Qualitaetsfernsehen Interessierten nicht darin nachlassen, den oeffentlich-rechtlichen Programmauftrag nach Bildung und substantieller Information auch fuer das Hauptabendprogramm einzuklagen.
 Als hoffnungsvolles Anzeichen dafuer, daß sich in der ARD eine Rueckbesinnung auf die eigenen Staerken breitmacht, moegen AEußerungen des neuen ARD-Programmdirektors Dr. Guenter Struve gelten. In stern-tv (37/1992) antwortete er in einem Interview auf die Frage, was die ARD tue, um die im Informationsbereichliegenden Staerken zu betonen: »Die Information ist eine hochattraktive Ware, und zudem eine, die uns auch noch in zehn Jahren erschwinglich erscheint. Eine, bei der der kommerzielle Wettbewerb gar nicht mit der ganzen Haerte zuschlagen kann. Die ARD wird im neuen Sendeschema die Informationsangebote staerker herausstellen. Wir werden klarmachen, daß wir hier das Feld sehen, auf dem die Zukunftsschlacht geschlagen wird. Eine qualitative Schlacht. Dazu gehoert an jedem Werktag zwischen 20.15 und 22.30 Uhr ein Informationsschwerpunkt, der klarer strukturiert ist als gegenwaertig.«
Bleibt abzuwarten, wie die ARD-Verantwortlichen den Begriff der Information definieren und mit welchen journalistischen Mitteln und Sendeformen diese programmpolitische Offensive eingeloest werden soll. Es waere begrueßenswert, wenn an Stelle des deutlich gestiegenen Ereignis-Journalismus ae la Brennpunkt wieder haeufiger Reportagen, Features und Dokumentationen zu sehen waeren. Weniger Sendungen, in denen mit hohem technischen Aufwand zwar schnell, aber allzu oft leider nur oberflaechlich auf politische oder gesellschaftliche Vorgaenge reagiert wird und Zuschauer durch spektakulaere Bilder, Expertenaussagen und tendenzioese Politikerstatements um die Chance einer eigenen Urteilsbildung gebracht werden. Und mehr analytisch fundierte Beitraege, die im besten Sinne aufklaeren, zur differenzierten Meinung befaehigen, ohne zu bevormunden. Vielleicht erinnert man sich bei den bevorste-hendenDiskussionen in der ARD an ein Signet namens Gordian Troeller.
 
Dr. Ulrich Spies, geb. 1947, Studium der Rechts- und Sozialwissenschaften in Goettingen und Frankfurt/M. Seit 1981 verantwortlicher Referent fuer den Adolf-Grimme-Fernsehpreis des Deutschen Volkshochschul-Verbandes in Marl.

Ernst Schreckenberg


Ein leidenschaftlicher Chronist - Die Auflistung der Filmtitel von Gordian Troeller waere selbst fuer den eine spannenden Lektuere, der noch nie einen seiner Filme sah – eine wahrscheinlich schwer ausfindig zu machende Person, weil im Lauf der letzten dreissig Jahre wohl jeder Fernsehzuschauer einmal eine oder mehrere seiner mehr als siebzig Dokumentationen gesehen haben duerfte. Aber selbst fuer diejenigen, die mit Gordian Troeller eine spezielle Thematik und eine persoenliche Handschrift verbinden und ihn nicht mit Georg Stefan Troller verwechseln, duerfte die Lektuere manche Ueberraschung bereit halten.




Nehmen wir nur einmal die Reihe Im Namen der Fortschritts, dann fallen uns natuerlich so bekannte Titel wie Mit Medizin ins Unglueck, Die Nachkommen der Inkas oder Bitterer Zucker ein. Wir stossen aber auch auf andere Titel, die man in dieser Reihe kaum erwartet haette, etwa Europas Weinfaesser laufen ueber, Von Basken und Katalanen oder Die grauen Panther. Man kann nur vermuten, dass es sich bei dem Film ueber Basken und Katalanen um die Geschichte ihrer Autonomiebestrebungen im und nach dem Franco-Zentrismus handelt – und ist neugierig speziell auf diesen Film, weil man ueber das Fernsehen mitbekommen hat, wie sehr die Katalanen die Olympischen Spiele in Barcelona als Forum zur Selbstdarstellung nutzten.




Im Augenblick, da ich diesen Artikel schreibe, koennte ich mehrere solcher Verbindungslinien ziehen , etwa zu aktuellen ‚Krisenherden’ in Nahost und Nordafrika: Durchs blutige Kurdistan von 1964 oder Algier, Hauptstadt der Revolutionaere von 1972. Oder ich koennte die fuenf Jemen-Filme aus den sechziger und siebziger Jahren mit dem juengsten Film von 1991 vergleichen, in dem Troeller nach langer Zeit wieder in den Jemen, an den Schauplatz seines ersten Films, zurueckkehrt. Vom Jemen des Jahres 1963, dem Kriegsbericht aus dem Mittelalter, dem Auftakt der Filmarbeit Troellers und seiner langjaehrigen Partnerin Marie-Claude Deffarge, spannt sich der Bogen bis zu diesem letzten Film ueber den Jemen im Jahr 1991, einem Film mit dem programmatischen Titel Opfer des Fortschritts.




Opfer des Fortschritts – praegnanter laesst sich das Anliegen nicht formulieren, das Troeller in jedem seiner Filme unmissverstaendlich vertritt. Er erlebt ueberall dort, wo ihn seine ausgedehnten Reisen hingefuehrt haben, Das Scheitern eurozentrisch gepraegter Vorstellungen ueber gesellschaftliche Modernisierung und erlebt und zeigt es am Beispiel der Menschen, die diesem politschen Prozessen hilflos ausgeliefert sind. Das gilt vor allem fuer die Filme der Reihe Im Namen des Fortschritts, die deshalb in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit in den siebziger Jahren besonders viel eingesetzt wurden.




In den Reihen Frauen der Welt und Kinder der Welt verschiebt sich die Perspektive dann auf Zustaende von Unfreiheit und Abhaengigkeit, die letztlich alle ihren Ursprung in der patriarchalischen Ordnung haben. die Ordnung erscheint als ein globales Ausbeutungsprinzip, das sich in allen Formen wirtschaftlicher und geistiger Kolonialisierung der Dritten Welt durch die Erste Welt widerspiegelt. Geblieben ist Troeller bei der Vorgehensweise, solche strukturellen Prozesse immer anhand ihrer Auswirkungen auf davon Betroffene, auf die Opfer, dingfest zu machen.




Dieses Dingfest-Machen ist bei Troeller zu wesentlichen Teile eine Sache des Kommentars. Er erlaeutert, erklaert, zeigt Hintergruende auf, zieht Schlussfolgerungen, benennt Verantwortliche und Schuldige. Man hat immer den Eindruck, dass hier jemand mit grosser Dringlichkeit einem imaginaeren Publikum ein Anliegen vortraegt, das in der zur Verfuegung stehenden knappen Zeit moeglichst umfassend vermittelt werden soll. Nun gehen die Meinungen ueber die Funktion des Kommentars in dokumentarischen Filmen weit auseinander, doch ist das kuenstlerische Selbstverstaendnis des Filmautors Troeller wahrscheinlich ein sehr pragmatisch definiertes: Wie kann ich im Fernsehen auf Programmplaetzen, auf denen ich noch ein potentiell grosses Publikum erreichen kann, moeglichst allgemein verstaendlich und kompakt informieren. Wie handfest diese Fragestellung ist, zeigt sich daran, dass er seit kurzem fuer seine Filme nicht mehr die gewohnten 45, sondern nur noch bescheidene 30 Minuten zur Verfuegung hat.




Troellers Filme sind zupackend und unmissverstaendlich. Das hat sie in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit, die schon immer sehr viel mit Filmen gearbeitet hat, eine zeitlang zu begehrten Beispielen fuer eine fundamentale Kritik an der in den meisten Laendern der Dritten Welt praktizierten Anpassung der jeweiligen OEkonomien an die Beduerfnisse des Weltmarktes gemacht. Fundamental in dem Sinne, dass derartige Entwicklungsprozesse ins ins genaue Gegenteil des Wortsinnes umschlagen, da fuer breite Bevoelkerungsschichten materielle Verelendung, also Rueckschritt, die Folge ist. Troeller hat einmal davon gesprochen, dass durch solche als Fortschritt verkauften Anpassungsmassnahmen an den Weltmarkt erst jener Prozess beginne, „den wir heute Unterentwicklung nennen“. Im Jemen habe er diese Erkenntnis gewonnen. Dort sei es ihm und Marie-Claude Deffarge „wie Schuppen von den Augen gefallen“.




Genau das haben in den siebziger Jahren Filme wie Verarmungshilfe, Mit Medizin ins Unglueck und vor allem Bitterer Zucker bei vielen Zuschauern ausgeloest, jenen Aha-Effekt, der heute kaum mehr nachvollziehbar ist, wo derartige Erkenntnisse zwar nicht Gemeingut, aber jedem einigermassen politisch Interessierten vertraut sind – und von Politikern auch schon routiniert in Sonntagsreden eingesetzt werden. Fuer viele, den Verfasser eingeschlossen, waren diese Filme in der suggestiven Klarheit ihrer Argumentation fuer die Meinungsbildung, fuer das politische Bewusstsein praegender als die theoretische Beschaeftigung mit den Problemen des Verhaeltnisses der Ersten zur Dritten Welt. Im Rueckblick auf die Filme, die in dieser entwicklungpolitischen Diskussion eine Rolle spielen, haben vergleichbaren Eindruck damals die fruehen Filme von Peter Krieg (Flaschenkinder) und vor allem sein abschliessender Beitrag zu diesem Thema, Septemberweizen, gemacht.




Im nachhinein erscheint der letztgenannte Film als Abschluss eines Jahrzehnts dieser Arbeit mit Filmen im Rahmen entwicklungspolitischer Bildungsarbeit. Danach war und ist bis heute vor allem von der Krise des entwicklungspolitischen Films die Rede, insbesondere im Zusammenhang mit geaenderten Anforderungen an die filmische Machart und der zunehmenden Praesenz eindrucksvoller Produktionen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, nicht nur im nicht-gewerblichen, sondern im bescheidenen Umfang auch im gewerblichen Filmbereich. Das hat dazu gefuehrt, dass sich Filmautoren, wie Peter Krieg und Peter Heller in den letzten Jahren anderen Themen und auch anderen filmischen Formen zugewandt haben. So stellt etwa Peter Hellers Film Dschungelburger den Versuch dar, mit einer entwicklungspolitischen Thematik formal auf der Hoehe der Zeit zu sein – im Kontrast zu einem thematisch vergleichbaren, aber ‚konventionell’ gemachten Film wie Troellers Die Saat des Fortschritts oder das Ende der Entwicklung, beide Mitte der achtziger Jahre entstanden.




Troeller ist seinem Stil bis heute treu geblieben, einem eher schmucklosen Stil, ohne Abschweifungen, konzentriert in der Darstellung, eindeutig in der Aussage, Polemik nicht scheuend; einem Stil, dem nichts fremder ist als die Verliebtheit in gesuchte Einstellungen und schoene Bilder, einem Stil aber auch, der die Frage provoziert, ob er jedem Sujet angemessen ist, dessen sich Troeller angenommen hat, besonders in den Reihen Frauen der Welt und Kinder der Welt.




Als massive Kritik liest sich das bei ‚Cornelia Bonesch so: „so scheint mir die polemische Kraft eines Autors wie Gordian Troeller nicht mehr so wirkungsvoll zu sein wie in der Fruehzeit seiner Berichte, mit denen er, vor allem mit der Reihe Im Namen des Fortschritts,  bekannt geworden ist. Damals hat er einem zu grossen Teilen uninformierten Publikum  noch bittere Wahrheiten ueber die Ausbeutung der Dritten durch  die Erste Welt gesagt. Der Holzschnitt-Charakter seiner Filme war eine Waffe, mit der erst einmal Schneisen in das Dickicht der Vorurteile und der Ignoranz geschlagen werden mussten. Inzwischen hat Troellers Methode der Allwissenheit aber einige Kratzer bekommen – oft entspricht sie nicht dem Informationshunger, der gerade im Informationsueberfluss zunaechst etwas wertfrei erfahren und dann erst die Meinung des Autors darueber wissen will…“ (1)




Gordian Troeller also ein unzeitgemaesser Autor? Wenn das fuer alle gaelte, die ihren Standpunkt kenntlich machen, auch mit dem Risiko der Vereinfachung, die spueren lassen, dass sie etwas zu sagen haben (und dafuer haben Zuschauer ein Gespuer), dann sollten wir ueber jeden unzeitgemaessen Autor froh sein. Das trifft gerade fuer den prognostizierten Zustand des Informationsueberflusses zu:  Jemand wie Troeller kann hier „Schneisen ins Dickicht“ wenn schon nicht der Vorurteile, so doch in das der UEbersaettigung mit Pseudo-Informationen schlagen. Das von Cornelia Bolesch angesprochene Problem scheint eher etwas damit zu tun zu haben, dass Troeller nicht mehr die thematische ‚Vordenker’-Funktion wie in den siebziger Jahren hat, als er mit seiner filmischen Infragestellung eurozentrischer Sichtweisen von der Dritten Welt bewusstseinsbildend war.




In den achtziger Jahren beschaeftigt er sich mit Themen, die nicht mehr so stark in einer politisch engagierten Teiloeffentlichkeit diskutiert werden, wie das im Umfeld der entwicklungspolitischen Gruppen und der Dritte-Welt-Initiativen mit den bekannten Filmen der Reihe Im Namen des Fortschritts der Fall gewesen war. Es sind Themen, die er nicht erst in die oeffentliche Diskussion bringt, die schon im Fernsehen, in der Presse praesent sind – seien das Apartheid, islamischer Fundalismus oder Drogenkrieg.




Aber es ist die in gewissem Sinne doch unzeitgemaesse Art und Weise, alle diese im Warenangebot des Informationsueberflusses gehandelten Themen einer Perspektive unterzuordnen, die Troellers Filme unverwechselbar macht. Auch hier setzen schon Titel wie Abschied vom Lachen, Die Vergessenen oder Die Verlassenen deutliche Signale: Die Parteinahme fuer die Opfer sogenannter Modernisierungsprozesse und die Leidtragenden patriarchalischer Macht- und Herrschaftsstrukturen ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Filme.




Die Zuspitzung auf diese Perspektive laesst wenig Differenzierungen, wenig behutsames Abwaegen, kein wohlausgewogenes Urteil zu. Sonst haette es kaum solche Auseinandersetzungen wie zuletzt  um Die Nachkommen Abrahams gegeben, wo Troeller mit „plakativen Aussagen“ Missverstaendnisse bei der „Wahrheitssuche in vermintem Gelaende“ produziert habe. (2) Solche Missverstaendnisse sind wahrscheinlich der Preis fuer eine Darstellungsmethode, die das immer komplexe, oft mit Empfindlichkeiten besetzte politische Umfeld eines Themas rigoros auf eine Perspektive zuspitzt und damit natuerlich auch verkuerzt. Nimmt man Troeller als politischen Moralisten ernst, dann muss man allerdings nicht nur billigend in Kauf nehmen, sondern sich klarmachen, dass es sich um eine bewusst anstoessige Darstellung handelt – anstoessig in dem Sinne, dass sich der Filmemacher an den Verhaeltnissen stoesst, sie als skandaloes empfindet, sie ‚plakativ’ anprangert.




Das hat Troeller fast dreissig Jahre durchgehalten. So etwas geht wahrscheinlich nur mit kuehlem Kopf und mit Wut im Bauch: „Ich weiss, die Geschichte kann man nicht zurueckdrehen. Aber wenn man sieht, welchen Verlauf sie nimmt, dann kann einen schon das Beduerfnis packen, sich mit den Opfern dieses selbstmoerderischen Kurses zu verbruedern und mit ihnen darueber nachzudenken, wie er eventuell zu veraendern waere. Ein wenig traeumen sollte man schon duerfen.“




Ein Ende seines filmischen Engagements ist nicht abzusehen. Was bis jetzt vorliegt und in Form von Filmen und Videokassetten auch komplett zum Gebrauch zur Verfuegung steht, ist eine Chronik der Fehlentwicklungen im Verhaeltnis Erster zu Dritter Welt, eine Chronik von Abhaengigkeit, Ausbeutung und geistiger Kolonisierung, eine Chronik nicht der laufenden spektakulaeren Ereignisse, sondern des alltaeglichen fremdbestimmten Ungluecks. Eine Chronik, wie sie in diesem Umfang einzigartig ist, ein Beitrag zur Geschichte dieses Jahrhunderts. Von daher trifft auf den Dokumentaristen Gordian Troeller vielleicht am besten die Bezeichnung leidenschaftlicher Chronist zu.
 

Ernst Schreckenberg, geboren 1947, Leiter des Medienbereichs und des Kommunalen Kinos der Volkshochschule Dortmund, ehrenamtlich Filmreferent des Deutsch Volkshochschul- Verbandes.
 
Troeller Zitate aus dem Artikel von Robert Garcia: Abrechnung mit den Maechtigen – der Filmemacher Gordian Troeller. In: Lëtzebuerger Almanach, Luxemburg 1989.




(1)  Cornelia Bolesch: Dokumentarisches Fernsehen – ein Beziehungsproblem. In: Cornelia Bolesch (Hrsg.): dokumentarisches Fernsehen, Muenchen1990, S. 26 f.




(2)  Ellen Hofmann: Wahrheitssuche in vermintem Gelaende. In: Sueddeutsche Zeitung vom 14.11.1989


Klaus Wischnewski

Zwischen allen Stuehlen auf dem richtigen Platz
oder
Gordian Troeller in Leipzig - ueberfaellig und im rechten Moment




Er hat in 30 Jahren, von 1963 bis heute, ueber 70 Filme gedreht, in Afrika und Arabien, Lateinamerika und Asien. Er hat in diesem Jahr beim 28. Adolf-Grimme-Preis die Besondere Ehrung fuer Verdienste um das Femsehen erhalten. Gruende genug fuer das Leipziger Festival, die Initiative des Adolf-Grimme-Insituts, von CON-Film Bremen und von Radio Bremen zu einer Werkschau und Retrospektive des Werkes von Gordian Troeller aufzunehmen. Seine Themen sind die toedlichen Lebensbedingungen und Existenzkatastrophen in jener Welt, die der reiche Norden, die herrschenden Wirtschaftsmaechte, ruiniert und zur 'Dritten Welt' ernannt haben. Seine Helden sind die Frauen, Kinder und Maenner, die dort leben, ueberleben und sich wehren. Er konfrontiert uns mit ihnen, sie konfrontieren uns mit den immer wieder verdraengten Beweisen dafuer, daß in unserer Welt-Gesellschaft Grundsaetzliches verkehrt laeuft, daß die Loesungskonzepte und -praktiken - neoliberale, konservative und revolutionaere - gegen den Sueden, gegen die Menschen, gegen die Erde laufen.
 Man hat Troeller »Augenzeuge des Weltbuergerkriegs« genannt (Heribert Seifert); in der Begruendung fuer die Besondere Ehrung heißt es, seine Arbeit habe nichts mit »ueblicher Korrespondentenroutine« zu tun. Man muß es zuspitzen: Troeller hat sich von der eurozentristischen Denkschablone (und ihren facettierten Variationen ideologischer, klerikaler, reaktionaerer wie revolutionaerer oder karitativer Konvenienz) befreit.
 Im Jemen - Anfang der sechziger Jahre - erkennt er die zerstoererischen Auswirkungen westlichen 'Fortschritts' und faßt zusammen: »Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß es fuer andere Voelker eine Katastrophe ist, wenn unsere Zivilisation sich ihrer annimmt.«
Bereits 1962 als Stern-Reporter hatten Gordian Troeller und Marie-Claude Deffareg geschrieben: »Verantwortlich fuer den Hungertod von Millionen ist nicht die Natur - verantwortlich sind wenige Menschen, Macht- und Geldbesessene, die ihre 'Ordnung' mit Korruption und Bajonetten aufrechterhalten.« Dieser Dokumentarist und seine Filme gehoeren seit langem nach Leipzig.
 Das Leipziger Festival
 Seit 35 Jahren gibt es das Leipziger Festival als Versuch und Angebot, vielen sozial und politisch kritisch engagierten Dokumentaristen aus allen Kontinenten ein Forum, ihren neusten Filmen eine Leinwand zu oeffnen und ein erfahrungshungriges Publikum mit den Menschen und Bewegungen, Leiden und Hoffnungen, den Bildern und Nachrichten der Zeit zu konfrontieren. Das Angebot Leipzigs war großzuegig. Es trafen sich Menschen, die sich sonst nie begegnet waeren. Filme Lateinamerikas, Afrikas und Suedasiens erreichten Europa, die Themen Unterentwicklung, Abhaengigkeit und Selbstbefreiung wurden fuer viele aus ferner Exotik ins Bewußtsein der eigenen Lebensproblematik gerueckt. Das Angebot Leipzigs war zugleich eng. Der Maßstab fuer diese Enge leitet sich jedoch nicht aus dem Vergleich mit anderen Festivals oder etwa dem Informationsspiegel des internationalen Medien- und Kinoangebots ab.
 Leipzigs Enge ist nur zu bestimmen aus dem eigenen Anspruch: Treffpunkt und Forum der progressiven Zeitkritik und des Engagements fuer soziale und politische Alternativen zu sein angesichts der Herausforderungen zunehmender sozialer Ungleichheit und wachsender politischer Gewalt in der Weltordnung des 20. Jahrhunderts. Der ehrlich vertretene, vielfach verwirklichte, international begrueßte und respektierte Anspruch mußte immer wieder zurueckgenommen, verleugnet, verraten werden, weil er mit dem offiziellen Weltbild und der Selbstdarstellung des institutionalisierten Sozialismus kollidierte. Die heutige Welt war kritikwuerdig nur in ihrer kapitalistisch-imperialistischen Sphaere. Der reale Macht-Sozialismus im Norden war als Alternative und als Loesungsmodell sakrosankt und wurde den antikolonialen Befreiungsbewegungen und jungen Staaten als Rezept angeboten. Die zunehmenden Widersprueche, Sackgassen und Katastrophen in den 'Entwicklungslaendern' wurden je nach Zugehoerigkeit zu den zwei Machtbloecken dargestellt oder verschwiegen. Einaeugigkeit gehoerte auch zur sozialistischen Diplomatie und beeinflußte internationale Festivalpolitik. Nur wenn man den Widerspruch zwischen moralischem Anspruch und machtpolitischem Pragmatismus zeitgeschichtlich objektiviert und beruecksichtigt, wird man Funktion, Wirkung und Defizit Leipzigs 1956 -1989 werten und die Problematik, Aufgaben und Chancen speziell dieses Dokumentarfilmfestivals in einer sehr veraenderten, wohl kaum verbesserten, zunehmend gefaehrdeten Welt verstehen koennen.
 Dabei geht es nicht um Sensationen, Highlight-Konkurrenzen oder Markenwerbungskriterien (die man nutzen kann, wenn sie nuetzlich sind), sondern darum, ob es moeglich sein wird, in Deutschland = Europa = im Norden der geteilten Erde ein Forum des Dokumentarfilms zu behaupten, das den Leipziger Anspruch nunmehr ohne Einschraenkungen realisieren kann. Das heißt: natuerlich ohne Zensur (wer braucht die!); ohne macht- und wirtschaftspolitische, diplomatische und oekonomische Ruecksichten; ohne Parteien- und Gruppenproporz; ohne soziale, rassische, religioese, moralische, sexuelle oder irgendwelche sonst denkbaren Vorurteile. Und trotzdem nach wie vor gefoerdert. Damit die, die Forderungen und Rechte einklagen, welche sich nicht rechnen, ihre Filme und Gedanken praesentieren koennen: hier in Leipzig/Europa.
 Sicher klingt das utopisch, ist also unzeitgemaeß, von den Feuilletonphilosophen von der Agenda gestrichen. Aber nur wer Utopisches mitdenkt, kann vielleicht etwas vom Notwendigen realisieren. Gewiß laeuft der Alltag anders. In der Jagd nach dem Notwendigsten wird dem Menschen die Energie abgefordert, die er fuer das Denken und Einfordern von Alternativen braucht. Doch genau das immer wieder neue Durchbrechen dieses raffiniert fehlerhaften Kreises macht den Sinn der Dokumentaristenarbeit und eines Festivals wie Leipzig aus.
 Retrospektiven - Stellenwert und Tradition
 1960 war zum ersten Mal eine Retrospektive Bestandteil des Festivalprogramms in Leipzig. Sie war Dsiga Wertow gewidmet. Persoenliche Haltung, kuenstlerische Individualitaet, Innovation und Zeitzeugenschaft waren damit ebenso als Wertmaßstab ausgewiesen wie die Auffassung vom kuenstlerischen Dokumentarfilm als visuelles Gedaechtnis der Menschen und des Jahrhunderts. Mit den Retrospektiven - 35 seit 1960 -wurde Geschichte in das aktuelle Programm, in die unmittelbare Zeitreflexion eingebracht, als vergangenes Geschehen, fruehere Loesungskonzepte politischer, aesthetischer Art, als Entwicklungsschritte der Gattung und Dokumente kuenstlerischer Entscheidung und Biographie. Ab 1962 lag die Gestaltung und Organisation der Programme in den Haenden der Mitarbeiter des 'Staatlichen Filmarchivs derDDR1. Deren Kompetenz und Gruendlichkeit garantierte ebenso wie die internationale Reputation ihres Instituts den Retrospektiven kuenstlerische Qualitaet und wissenschaftlichen Rang. Wolf gang Klaue, bis 1990 der im In- und Ausland geachtete Direktor des Filmarchivs, schrieb 1986 rueckschauend: »Wir, die damals jungen Leute vom Staatlichen Filmarchiv, griffen sie (die Idee) auf, nicht ahnend, daß wir damit eine Tradition begruenden wuerden und nach 25 Jahren feststellen koennen, daß wir einen bedeutenden Beitrag zur Wiederentdeckung und Erschließung der internationalen Traditionen des Dokumentarfilms geleistet haben. (...) Retrospektiven haben die Kurzlebigkeit des Dokumentarfilms nicht ueberwinden koennen, aber sie haben aufmerksam gemacht auf die Werte und Leistungen der Vergangenheit. Sie haben Signale gesetzt, die auch andere aufgriffen. Sie haben auch fuer Archive den Stellenwert des Dokumentarfilms als Kunstwerk und zeitgeschichtliches Dokument und Gegenstand der UEberlieferung erhoeht.«
Werkschau-Programme praesentierten viele Große des kritischen Dokumentarfilms: Cavalcanti, Ivens, Flaherty, Karmen, Grierson, Huisken, 1989 Fernando Birri und Karl Gass, 1990 Klaus Wildenhahn. Regional und thematisch definierte Veranstaltungen galten nationalen Schulen und Programmen, die den Dokumentarismus nachhaltig beeinflußt haben - dem franzoesischen, sowjetischen, polnischen, tschechoslowakischen, dem neuen kubanischen Dokumentarfilm, Filmen aus Japan, Indien und den mittelasiatischen Sowjetrepubliken. Die Themen wurden auch von aktuellen Ereignissen und Prozessen beeinflußt. Vier Retrospektiven galten dem Film in Lateinamerika. Diese Aufmerksamkeit war sowohl der bedeutenden Filmentwicklung geschuldet wieder exemplarischen Rolle des Films in den schweren sozialen Verhaeltnissen und politischen Kaempfe auf dem Kontinent. Besondere Hoehepunkte waren 1981 die American Social Documentaries und 1984 Reality and Film, die Rueckschau auf den »proletarischen und buergerlichprogressiven Dokumentarfilm der dreißiger Jahre in Großbritannien«, wie es im Untertitel hieß. Bereits 1973 hatte ein aehnlich beachtetes und interessantes Programm der proletarischen Filmbewegung in Deutschland vor 1933 gegolten. 1986 vereinte ein Programm zeitgenoessische und neuere Filme aus mehreren Laendern, die die spanische Tragoedie der Jahre 1936 bis 1938 - Buergerkrieg und makabres Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg - ins Bild gebannt hatten, berichtend, protokollierend, deutend, lyrisch, pathetisch oder analytisch.
 Filmgeschichte wird als Zeitgeschichte offenbar; uebrigens nicht allein ueber Themen und Sachverhalte, sondern durch den Blick, den Ton, den Stil und die Haltung der Dokumentaristen. Objekt und Subjekt sind Traeger des 'Zeitgeistes', reflektieren Hoffnungen und Illusionen, tragisches Pathos und vehementen Optimismus, Skepsis und Trauer, wobei die Jahre und Jahrzehnte Gewicht und Wertigkeit von Gefuehlen, Meinungen und Stilmitteln verschieben, manchmal verkehren. Wer auf solche Beobachtungen allerdings ahistorisch ueberheblich und mit Spott reagiert, sollte die Finger von Filmen besser lassen. Als Zeitzeuge und Gedaechtnis ist der Dokumentarfilm auch dem Verschleiß, der manchmal gnadenlosen Korrektur durch den Lauf der Zeit unterworfen und bleibt - dennoch und deshalb - Bewahrer dessen, was wirklich geschah und Zeugnis einer Haltung, eines Bildes von der Welt.
 Solange Leipzig als internationales Festival bestehen bleibt, wird es auf die Tradition seiner Retrospektiven nicht verzichten wollen und koennen. Bundesarchiv/ Filmarchiv und Festivalleitung waren sich schnell einig darin, daß hier Bewahrung und Fortfuehrung Anliegen und Chance fuer beide Partner sind. Die Zusammenarbeit bereits 1990 (Klaus Wildenhahn) und die Realisierung der daenischen Retrospektive 1991 haben das bewiesen und befoerdert. Der speziell 'deutsche Blick' auf Amerika in der Retrospektive 1992 wird interessantes Material zu einem Hauptakzent des 35. Festivals beisteuern - zum kontroversen und ideologisch vielschichtig besetzten »Nachdenken ueber ein Jubilaeum«. Also Nachdenken ueber das halbe Jahrtausend seit 1492, fuer das nun von allen Seiten die Bilanz und der Preis eingefordert werden, von der Erde und vom Himmel, von der Natur und den 'entdeckten' Voelkern, von den Opfern der Ausbeutung, der Revolutionen und der Entwicklungsprogramme, von der Armut, die vom Sueden in den Norden und von unten nach oben in allen Laendern und Regionen unaufhaltsam vordringt.
 Gordian Troeller - Geschichte und Aktualitaet
 Genau hier liegt der Schnittpunkt der Themen, Erfahrungen, Traditionen und Tendenzen, an dem der Auftritt des Europaeers, gebuertigen Luxemburgers, Reporters, Dokumentaristen, Chronisten und Aufklaerers Gordian Troeller auf der Leipziger Szene und seiner Filme auf der Leipziger Leinwand einerseits ueberfaellig erscheint, andererseits wie aufs Stichwort erfolgt. Troellers Filme sind permanente Gefechte und Angriffe - sein dreißigjaehriger Krieg gegen die großen einfachen Luegen: die Luegen ueber den Zustand unserer Erde. Seine Filme sind sachliche Protokolle der Umstaende, Ursachen, Folgen. Die Menschen kommen zu Wort.
 Troeller ist eine seltsame Spezies des real existierenden Europaeers, noch dazu des fuer Medien taetigen. Er guckt richtig hin, denkt nach, korrigiert sich. Und sagt das, demonstriert das, oeffentlich, im Fernsehen. (Wobei das zweite Wunder ist, daß er dafuer einen Sender und zumutbare Sendezeiten findet, nicht nur in den sechziger und siebziger Jahren, auch in den Achtzigern und immer noch. Der Sender heißt Radio Bremen, der Redakteur Elmar Huegler. Das muß festgehalten werden und gehoert auf die Leipziger Szene. Und die Erkenntnis sei bekraeftigt: Der Foederalismus schuetze die kleinen Sender und die großen Charaktere...).
 Gordian Troeller betont, daß er fuer seine Arbeit im Dokumentarfilm keine Vorbilder hat, weder personell noch stilistisch. Ihn hat, seit er in den sechziger Jahren seinen 'Jemen-Schock' erlebte, offenbar immer staerker der so unaufhaltbare Schrecken der boesen Wahrheit, der verkehrt laufenden Geschichte gepackt, gefordert, bezwungen. Deshalb ist sein Aufklaerertum als Grundhaltung zu betonen. Es verbindet ihn mit allen Großen des Dokumentarfilms jenseits von Stil, Temperament, aesthetischen Prinzipien und politischen Visionen. Aber er ist - wieder eine zu seltene Variante - ein unsentimentaler, illusionsloser Aufklaerer. Die Illusionen verlor er nacheinander: als die kommunistische von den Erfahrungen im Spanischen Buergerkrieg ausgebrannt wurde, blieben das soziale Gewissen, der kritische Impetus wach und die Hoffnung, in der Demokratie als Anwalt der Schwachen veraendernd wirksam zu werden. Als er erkannte, daß die internationale kapitalistische Entwicklungspolitik nach dem Ende der Kolonialreiche die Dritte Welt zerstoert und 'unsere' Welt bedroht, begriff er, daß die verschiedenen Revolutionen, vom europaeischen Sozialismus gestuetzt und beraten, nur die Kehrseite der gleichen europaeischen Denkweise darstellten.
 Mit dieser Sicht paßte Troeller nicht wirklich in die Bedingungen von Leipzig. Fuer die Politbueros war mit deren eigener Weisheit auch die Geschichte am Ende angelangt. Die Erkenntnis zu radikaler Analyse und Selbstkritik haette geschichtliches Format verlangt. Inzwischen leben andere im Wahn, als Sieger am Ende der Geschichte zu sein, die nun mit Scharmuetzeln und Strafaktionen zu dirigieren sei.
 Gordian Troeller ist vor diesem Hintergrund doppelt wichtig in Leipzig: ueberfaellig und aktuell. Der Sueden als Stellvertreter-Schlachtfeld der Großen im Norden, der Widersinn der Strukturen in beiden europaeisch gepraegten Machtsystemen auf die alten Kulturen und Lebensformen oktroyiert, die Momente und Inseln hoffnungsvoll wirksamer Vernunft in einzelnen Laendern und Gebieten - das ist der thematische Raum seiner Filme.
 Mancher wirft ihm Kopf- und Wortlastigkeit vor. Pur aesthetisch koennte man dem teilweise folgen. Doch: wenn unsere Medien der Vernunft und Wahrheit mehr Raum gaeben, brauchte der einsame Aufklaerer weniger Zeit und Raum, ueber die Welt zu reden, wie sie ist. Ja, in Troellers Filmen wird viel gesprochen. Aber es wird etwas gesagt: das, was sonst verschwiegen oder in Nebensaetze verbannt wird von den ewig redenden Politikern und den staendig sendenden Medien. Es ist wichtig und es tut gut, seine Bilder zu sehen und seine Gedanken zu hoeren. Sie helfen, sich gegen die selbstmoerderische Ignoranz zu wappnen, die als Lebensqualitaet gehandelt wird.
 Alle sind sich einig, daß Gordian Troeller eine Ausnahme ist. Natuerlich sind Menschen selten, die so hartnaeckig nach der Wahrheit suchen und sie oeffentlich sagen, sich bewußt den Moden und Opportunitaeten entziehen und sich ebenso bewußt zwischen alle Stuehle der Maechtigen setzen. Aber Troellers Ausnahmeposition sagt wohl auch etwas ueber unser Informationssystem und die Funktion der institutionellen Medien aus. Troeller ist genau der Typ, den unsere Welt braucht, um nicht taeglich duemmer und gleichgueltiger zu werden. Und das ist der Typ, den die Medien verhindern oder uebersehen, wenn es ihn gibt. Man will nicht, daß junge Reporter oder Dokumentaristen so werden, so scharf, beharrlich, so mit der Geschichte des Jahrthunderts verbunden.
 So einer stoert.
 Was kann man Besseres ueber ihn sagen. Vielleicht kann die Werkschau/Retrospektiveeinpaar junge Filmemacher provozieren? Und wenn's nur einer waere ...
 
Klaus Wischnewski, geb. 1928, Dramaturg, Filmautor und Kritiker, u.a. bei DEFA-Spielfilmstudio, Deutsches Theater Berlin, DEFA-Dokumentarfilm. Seit 1991 Programmdirektor des Internationalen Leipziger Festivals fuer Dokumentaer- und Animationsfilm.

Impressum | AGB | Datenschutz | Sitemap | Kontakt | Produzenten
© 2016 allstar Media International Distribution GmbH